Dieser Käse muss noch reifen

Oder: Von der Kunst als Künstler zu überleben

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Ein typischer Tag 

Es ist 11 Uhr, ich sitze im Café Lindemann, mir gegenüber sitzt Valerie, 20 Jahre, Studentin der Medien- und Kommunikationswissenschaften. Sie schreibt für ihr Studium eine Reportage und hat sich als Poetry Slam Fan meinereiner ausgesucht. Sie möchte einen typischen Tag aus dem Leben eines Kleinkünstlers skizzieren. Der Kaffee wird gebracht und steht dampfend vor uns. Ich trinke ihn schwarz, sie hat einen Milchkaffee bestellt.

Ein typischer Tag. Hier fängt es ja schon an. Ist ja nicht so, dass ich Montag bis Freitag das gleiche mache. Ich überlege und beginne: „Meist stehe ich zwischen 8 und 9 Uhr auf“. Valerie bricht in schallendes Gelächter aus. „Sei bitte ehrlich, ich bin Studentin und habe volles Verständnis, wenn du ausschläfst.“ Ich schaue irritiert. Nur weil ich Künstler bin, heißt das doch nicht, dass ich bis Mittag liegen bleibe. Ich versuche zu erklären, dass ich durchaus auch Tage habe, wo ich um 6 Uhr aufstehe, wenn ich einen Schulworkshop gebe, der um acht Uhr morgens beginnt.

„Schulworkshops? Ich dachte du bist Künstler?“ Die hat sich ja vorbereitet. Ich versuche nochmal mein Tätigkeitsfeld zu erklären. Ist ja nicht so, dass ich 20 Mal im Monat gebucht werde, damit sich Leute meine Texte anhören, dazu müsste ich wieder deutschlandweit unterwegs sein wie früher, aber das Bahnfahren hat mich zu einem verbitterten Choleriker gemacht. Am Ende meiner Tourzeit war ich dem Wahnsinn so nahe, dass ich mich einfach über jeden Zug gefreut habe, der überhaupt gefahren ist. Auch wenn ich ihn selbst gar nicht genutzt habe.

Also, was macht dieser Michael Jakob?

Also ich. Ich trete auf, meist indem ich Texte vortrage, solo, als Team, abendfüllend, für Galashows, Schullesungen etc. Dann moderiere ich auch Veranstaltungen. Dafür werde ich gebucht oder organisiere gleich das ganze Event. Dafür lade ich dann wiederum die Künstler ein. Manchmal stelle ich auch die Veranstaltungstechnik. Dann gebe ich eben noch Workshops an Schulen. Oder Seminare an Hochschulen. Manchmal biete ich auch auf dem freien Markt Workshops an. Poetry Slam, kreatives Schreiben, Improvisationstheater, Veranstaltungsmoderation, Körpersprache, Rhetorik, was eben gerade gewünscht ist. Habe das schließlich selbst alles in unzähligen Fortbildungen und jahrelanger Berufspraxis gelernt. Und dann schreibe ich noch Bücher.

Was bin ich also? Sehr, sehr vieles. Es grenzt an ein medizinisches Wunder, dass ich noch nicht schizophren bin. Ich, der Künstler, Moderator, Dozent, Autor, Eventmanager, Künstleragent und Veranstaltungstechnikverleiher. Oh, Pressearbeit und Social-Media-Werbung mache ich ja auch noch. Also bin ich ja auch noch Werbefuzzi. Hilfe!

„Das ist ja schon ganz schön viel“, sagt sie, „wie schaffst du das denn alles?“ –  „Indem ich bis 12 Uhr mittags liegen bleibe und hoffe, dass mein Schlafwandler-Ich das alles erledigt!“ antworte ich sarkastisch. „Äh, ok…“ Sie trinkt von ihrem Milchkaffee, ich glaube die Stimmung ist jetzt ein bisschen gereizt. Aber irgendwie nerven die immer gleichen Fragen nach all den Jahren. Als nächstes kommt bestimmt die Frage, wie ich zum Poetry Slam gekommen bin.

„Wie bist du eigentlich zum Poetry Slam gekommen?“ – „Meistens mit dem Zug!“ Ich mag nicht mehr. Ich versuche die Sache hier abzukürzen. „Also, ein typischer Tag…“, beginne ich. Ich mische alles zusammen und versuche die 24 Stunden eines Tages so zusammenzufassen, damit wir einen „durchschnittlichen“ Tag haben. Ich setze meine Kaffeetasse an und nippe vorsichtig, denn das schwarze Gold ist noch immer sehr heiß. Dann lege ich los.

„Der Wecker klingelt um 8:30h, ich stehe auf, trinke Kaffee, frühstücke eine Kleinigkeit und dann fahre ich auch schon den Rechner hoch. Ich checke E-Mails und beantworte die wichtigen Sachen gleich. Dann Facebook, Privatseite und Künstlerseite, auch dort das gleiche Spiel. Dann schaue ich auf meinen To-Do Zettel: Die Presseinfo für Ansbach muss raus, der Newsletter für Fürth muss aufgesetzt werden, der Bestuhlungsplan und die Technikinfo für den Nürnberg Slam müssen an das Haus und den Veranstalter übermittelt werden. Nanu, was ist das? Da ploppt eine Facebok-Nachricht auf. Es will jemand aus Konstanz bei uns in Ansbach auftreten. Schreibe, dass wir schon ausgebucht seien, was auch stimmt und gebe den Hinweis, dass es sich für einen Tag sowieso nicht lohnen würde, so weit zu fahren. Dann packe ich meinen Rucksack. Poetry Slam-Workshop an einem Gymnasium, heute zum Glück in Nürnberg und um 11:15h. Ich packe Hefte, Theoriezettel und das Mikrofon samt Verstärkerbox ein, das Konzept überlege ich mir auf dem Weg dorthin. Nach dem Workshop koche ich mir ein Mittagessen, dann fahre ich wieder den Rechner hoch.

Schon wieder neue Anfragen, arbeite sie schnell ab. Eine neue Bar hat eröffnet und sucht Künstler für eine neue Mixed-Show, die einmal pro Woche stattfindet. „Leider kann keine Gage gezahlt werden, aber ein Auftritt vor unserem Publikum ist ja gute Werbung“ schreiben sie. Ja, gute Werbung dafür, dass man umsonst arbeitet. Schreibe zurück „Hallo, ich habe einen neuen Künstlerstammtisch gegründet und wir würden uns gerne einmal pro Woche in einer Bar treffen. Leider können wir nichts für die Getränke zahlen, weil wir nie Gage bekommen, aber es ist gute Werbung für die Bar, wenn wir dort verkehren.“ Bin mal gespannt ob sie zurückschreiben.

Eine weitere Anfrage.

michaeljakobSie zielt darauf ab, was ich für eine halbe Stunde Auftritt auf einem Neujahrsempfang will, man sei eine gemeinnützige Organisation und könne nicht viel zahlen. Da rufe ich besser an, Preisverhandlungen per E-Mail sind schwierig. Ich frage ein bisschen den Rahmen ab, wie viele Leute, welche Altersgruppe, Veranstaltungsort, etc. Aha, im historischen Rathaussaal Nürnberg, der kostet mit Bestuhlung 4.000 Euro, das weiß ich. Beschließe den normalen Satz zu verlangen. Schweigen am anderen Ende der Leitung. Das gemeinnützig wird nochmal wiederholt, ich biete den Kulturpreis an und verlange 150 Euro. Das sei immer noch zu viel, man habe so mit 50 Euro gerechnet, ich müsste ja nur Texte lesen. Dann bekomme ich noch meinen Stundenlohn hochgerechnet, nämlich dass das ein Stundenlohn von 300 Euro sei.

Genau. Und weil ich 16 Auftritte am Tag mache, um einen Acht-Stunden-Job vollzubekommen verdiene ich auch 2.400 Euro am Tag. Zu den Auftritten lasse ich mich beamen, mit unendlicher Lichtgeschwindigkeit, sodass ich dadurch vor jedem Auftritt eine Stunde Zeit gewinne, wo ich meine Texte schreibe, einstudiere und die Büroarbeit mache! Wir einigen uns auf 120 Euro und ich ärgere mich, dass ich mich schon wieder habe runterhandeln lassen. Naja, ich mache es ja nicht wegen dem Geld. Schließlich kann ich mit Sprache umgehen, deswegen mache ich es wegen des Geldes! Und vielleicht kommen wirklich ein paar Folgeaufträge zusammen. Ich schaue wieder auf meinen To-Do-Zettel, es ist immer noch eine lange Liste übrig. Ich überlege, was ich auf morgen verschieben kann, dann schreibe ich schnell noch Rechnungen und versuche nach einer kurzen Kaffeepause meinen neuen Text zu vollenden. Heute Abend ist unsere Lesebühne und mein Premierentext ist höchstens bei 60%. Ich wollte das doch dieses Mal nicht schon wieder auf den letzten Drücker machen, so wie die letzten anderthalb Jahre.

Dann ploppt auf Facebook wieder eine Nachricht auf. Torsten ist krank und muss den Auftritt morgen absagen. „Kein Thema, gute Besserung“, antworte ich und streiche ihn von der Liste. Mist, jetzt haben wir nur sechs Künstler für den Poetry Slam. Es war sowieso einer weniger für morgen. Da muss ich eben noch Ersatz suchen. Ich schreibe die lokalen Slammer in einem Massenchat an und hoffe, dass sich jemand meldet. Dann mache ich das Fenster mit meinem Text wieder auf. Was wollte ich denn gerade schreiben. Mist, der Einfall hat sich verflüchtigt. Also nochmal die letzten Zeilen lesen. „Boah, das geht ja total in eine falsche Richtung.“, denke ich. Was ist das auch für eine blöde Publikumsvorgabe. „Dieser Käse muss noch reifen*“, schreib da mal einen Text dazu! Ich glaube ich mache ein Gedicht. Lyrik geht immer, dann ist es nicht so schlimm, wenn die Story nicht ganz so gut ist …

Hoffentlich wird es heute Abend voll.

Was machen die Facebook-Zusagen? 42. Wenn man das mal zwei nimmt, wie sonst, wären das um die 80 Gäste. Das könnte schon ein bisschen besser sein, sonst bleibt wieder kaum Geld bei uns hängen. Ich poste die Veranstaltung nochmal auf Facebook. Schreibe dazu, dass ich gerade über den letzten Zeilen meines Textes mit der Vorgabe „Dieser Käse muss noch reifen“ bin und ich ihn heute Abend lesen werde. Ich hoffe, das macht neugierig. Dann weiter im Text. Nach 10 Minuten hänge ich und finde einfach keinen Reim auf Käse. Ich schaue nochmal zu Facebook. 40 Zusagen. Wie? Zwei weniger als vorhin, so ein Käse!

Ich mache nochmal eine Kaffeepause und motiviere mich, den Text aber jetzt wirklich runterzuschreiben. Gelingt auch irgendwie. Um 18 Uhr jage ich die drei Seiten Reimerei zum Drucker, in der U-Bahn kann ich sie durchlesen und eventuelle Fehler korrigieren. Schnell noch die anderen Sachen packen, Vorgaben-Zettel, Ablauf und ein paar Bücher. Heute brauche ich zum Glück weder eine Kasse, noch Technik, weil alles vor Ort ist und vom Veranstalter gestellt wird. Dafür bekommen wir auch nur 65% vom Eintritt. Und das dann noch durch vier. Wenn es gut läuft bleiben 100 Euro pro Person übrig, für insgesamt zwölf Stunden Arbeit! Und dann kommt noch die Steuer weg. Wer hatte nochmal die Idee mit der Lesebühne? Ach Mist, das war ich ja selber. Ich dachte damals, dass sei gute Werbung für mich.

Die Show läuft gut, es sind doch fast 100 Besucher, die Stimmung ist klasse, wir haben Spaß, trinken ein paar Bierchen nebenher und auch mein Käse-Text kommt richtig gut an. Drei Bücher verkaufe ich dann immerhin noch und werde beim Signieren gefragt, was ich denn beruflich mache. „Äh, genau das hier…“ antworte ich verdutzt und ärgere mich über meine mangelnde Schlagfertigkeit. Der Mann hat mich zwei Stunden lang auf der Bühne gesehen, lässt sich jetzt ein Buch von mir signieren und fragt mich, was ich beruflich mache? Wenn ich beim Zahnarzt bin und er mit der Wurzelbehandlung fertig ist, gerade die Füllung abgeschlossen hat und ich mit geschwollen-betäubter Lippe das Wasser zum Nachspülen zur Hälfte auf meinen Latz sabbere, dann frage ich doch auch nicht: „Und was machen sie beruflich?“ Das klingt doch irgendwie nach: „So amateurhaft, wie sie sich anstellen, ist das hier doch niemals ihr Beruf!“ Club-Spieler könnte man nach so manchem Spiel fragen, was Sie denn beruflich machen, da würde es passen!

Ich erzähle die Story den Jungs und GYMMICK antwortet, dass du als Künstler erst ernst genommen wirst, wenn die Leute dich aus dem Fernsehen kennen. Da will ich aber nie hin. Wir teilen die Gage auf und verabschieden uns. Was habe ich nochmal als Vorgabe für nächstes Mal? „Benjamin Blümchen als PEGIDA-Vorsitzender*“ „Warum?!?“, frage ich mich. Mit Reimen alleine werde ich mich diesmal auch nicht retten können. Dann fahre ich mit der U-Bahn nach Hause, wo ich Leute treffe, die mich kennen. „Heh, du bist doch der Michl, erzähl doch mal ein Gedicht.“

Noch so ‚ne Sache.

Einen Frauenarzt fragt man auch nicht auf einer Party, ob er mal kurz bei der eigenen Frau reinschauen könne. Zuhause mache ich noch ein Bierchen auf und ärgere mich, dass ich mit dem Handy nochmal ins WLAN bin. Sieben neue Mails und vier Nachrichten auf Facebook. Ich überfliege sie kurz, antworte aber nicht mehr. Mit dem Gefühl, dass es morgen früh gleich wieder etwas zu tun gibt, gehe ich ins Bad zum Zähneputzen. Es ist ein Uhr. Jetzt noch ein bisschen lesen, um mich abzulenken, bis das Adrenalin der Show abgebaut ist und ich schlafen kann, sonst denke ich noch an die Arbeit morgen oder an neue Textideen. Und so endet der typische Tag, indem ich über dem neuen Roman von Dan Brown einschlafe.“

Valerie schaut mich mit großen Augen an, das Aufnahmegerät qualmt ein bisschen. Ich hole Luft und setze meinen Kaffee an, der mittlerweile Trinktemperatur hat. „Das hört sich aber nicht so an, als ob es Spaß macht“, sagt sie. „Doch, macht es. Ich bin nur ein bisschen müde, es ist gerade Hochsaison und heute sind noch zwei Auftritte. Ich muss jetzt auch gleich los, zu so einem Dialogforum der Kultur- und Kreativwirtschaft. Ich bin da als Speaker gebucht und soll erzählen, wie ein typischer Künstleralltag aussieht.“

Mist, dazu wollte ich mir doch noch ein paar Notizen machen. Ich schaue auf Valeries heiß gelaufenes Diktiergerät. „Kann ich mir den Apparat eventuell ausleihen?“ frage ich. „Dann kann ich das später abspulen und muss nicht alles noch einmal erzählen.“

*Diese Vorgaben wurden tatsächlich im Rahmen der Lesebühne „DLDA – Das Lesen der Anderen“ vom Publikum gestellt und auch bearbeitet.

Nachbemerkung: Nicht alle verwendeten Gags sind von mir ausgedacht, einige habe ich in den letzten Jahren aufgeschnappt. In Gesprächen, auf Facebook, in anderen Texten, die ich gehört habe. Da es leider schwer zuzuordnen ist und die Sachen auch nicht wörtlich wiedergegeben werden (wenn, dann ist es Zufall) sind die Stellen nicht als Zitate gekennzeichnet.

Michael Jakob ist Schauspieler, Autor, Moderator und Kreativ-Coach, den meisten Leuten aber als einer der profiliertesten Poetry Slammer der Region ein Begriff. Dieser Text entstand anlässlich einer Präsentation zum Dialogforum Mittelfranken von bayern kreativ am 3. März 2014 und wird mit freundlicher Genehmigung des Autors gebloggt.

Michael Jakob veröffentlicht jeden Montag einen neuen Text auf www.michls.blog.de, zudem ist er live zu sehen und für Auftritte und Workshops buchbar. Infos auf: Webseite Michael Jakob

Rainer Hertwig am 16. März 2015

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