Euphorisierend, berührend, genussreich

Das internationale Festival für elektroakustische Kunst verschafft sich zum dritten Mal Gehör

Michael Ammann

Vom 6. Bis 7. Februar 2015 findet Quadrophonia#3.0, Festival für experimentellen Raumklang, zum ersten Mal im Neuen Museum Nürnberg statt. mehrwertzone sprach (per Mail) mit dem Klangkünstler und Organisator des Festivals Michael Ammann.

 

mehrwertzone: Michael Ammann, du bist der Hauptorganisator von Quadrophonia#3.0 – Festival für elektroakustischen Raumklang. Wie bist du auf die Idee gekommen? Und wo sind deine künstlerischen Wurzeln?

Michael Ammann: Die Idee, so ein Raumklangkunst-Festival zu organisieren, folgte meinen Bedürfnissen nach räumlichen Hören, physischem (spürbarem) Klang. Klang, der mich anregt, zu Visualisieren, nach improvisierten (der schöpferische Akt ist nahezu zeitgleich mit seiner Rezipierbarkeit und Wahrnehmbarkeit), unerwarteten Klangphänomenen und unbekannten Klangobjekten (UKO). Des Weiteren habe ich das Bedürfnis anderen Menschen in diesem beschriebenen Setting zu begegnen und zusammen eine Form des akustischen Miteinanders zu initiieren und in Austausch zu kommen; Menschen/Künstler, die sich im Vorfeld kaum oder gar nicht kennen, ein Forum des gemeinsamen In Situ Ausdruck zu geben. Raum für akustische Gestaltung in Echtzeit.
Die Idee ist über Jahre gewachsen, Quadrophonia ist der augenblickliche Zenit dieser Entwicklung. Ich habe schon kleinere Performances dieser Art durchgeführt, entweder Solo oder im Duo, Trio etc. bei diversen Klangkunstfestivals oder selbstintendiert, wie z. B. Third Eyeland von 2008 in verschieden Kinos der Region oder auch privat mit einigen Künstlern aus der Region. In früheren Jahren setzte ich die Idee des live improvisierten Raumklangs noch verstärkt mit analogen Mitteln um, das heißt, in dem Raum, in dem das Happening stattfand und in dem das Publikum mit Schlafbrillen saß, wurde räumlich mit unterschiedlichsten Klangerzeugern (Kinderspielzeug, Küchengräte, Schrott, modifizierte Instrumente…) laboriert.

mehrwertzone: Die Besucher und (Zu)hörer des Festivals werden mit „frei improvisiertem Raumklang“, „undefinierbaren Klangobjekten (UKO)“, „elektroakustischer Klangsynthese“ und „interagierendem Spiel“ konfrontiert. Muss man da Angst um seine Ohren haben, oder wie muss man diese Begriffe verstehen?

Michael Ammann: Diese vier Forschungsbereiche, die du hier aus meinem Konzept extrahiert hast, haben natürlich nichts mit unangenehmer Lautstärke zu tun. Grundsätzlich: Ich möchte nicht, dass jemand Angst um sein Hörvermögen hat, denke aber, dass Lautstärke etwas subjektives ist und jeder darauf unterschiedlich reagiert. Was ich möchte, ist, dass Klang spürbar sein darf, dass er als physisches Genussfeld begriffen wird (und nicht als Schmerzfeld). Ich kann nicht voraussetzen, dass jeder Besucher entsprechende Hör- eigentlich – Spürerfahrungen hat und es ihm vielleicht ungewohnt erscheint. Die taktile Erfahrung mit Klang ist etwas Wunderbares, von Klang umgeben, ummantelt zu sein, von Klang geschoben und gedrückt zu werden. Hierbei geht es aber weniger um die Ohren als Rezeptionsorgan, sondern um den Leib. Aber diese ‚Materialisierung von Klang‘ ist, wie oben beschrieben, nur ein Aspekt dieses Festivals und jeder Künstler hat seine persönlichen Schwerpunkte.

mehrwertzone: Was kannst du uns dann über die anderen, mitwirkenden Klangkünstler erzählen?

Michael Ammann: Da ist zum einen Karlheinz Essl aus Klosterneuburg/Wien. Ich habe mich schon seit geraumer Zeit für seine Arbeiten, speziell seine Studien über Improvisation interessiert. Im letzten Jahr habe ich mich dann getraut, ihn einfach mal anzuschreiben und ihn zu diesem Festival einzuladen. Er hat zu meiner Freude sogleich zugesagt, ihn interessiere das Konzept der Veranstaltung, die Gage sei sekundär. Er hat mich im Sommer 2014 eingeladen und wir hatten einen wunderbaren 4.0 Auftritt im Essl Museum in Klosterneuburg.
Dann kommt eRikm aus Marseille, der unter anderem mit FM Einheit von den Einstürzenden Neubauten gearbeitet hat. Er ist eigentlich DJ. Aber er macht das so kreativ, intuitiv und klangforschend, dass ich mir sehr gut vorstellen kann, dass er trotz dieses „Dosenklangs“ sehr sensibel mit den anderen Künstlern interagiert.
Thomas Lehn aus Deutschland kommt aus der elektroakustischen Improvisation und arbeitet mit analoger Klangsynthese und verschiedensten Synthesizern. Er ist aber auch Pianist und Tonmeister. Auch sein Umgang mit dem elektronischen Klang ist ausgeprägt virtuos und befreit von musikalischer Enge geprägt von einem hohen Maß an Experimentierfreudigkeit und Raumverliebtheit.
Aus Nürnberg stammt Markus Mattern, der zuletzt bei der Blauen Nacht 2014 zu hören war. Mit Markus hatte ich einige Auftritte und ich bin von seinen Klanggestaltungen begeistert. Die Reinheit und Güte seiner Klänge, seiner subtraktiven Klangsynthese, ist für mich ein Faszinosum. „Klänge in denen ich baden möchte!“
Yiannis Tsirkoglou kommt aus Griechenland, lebt aber in den Niederlanden. Ich hatte ihn bereits 2012 eingeladen und er hat mir damals mit seinem sehr eigenwilligen, fraktalen Sound sehr gut gefallen. Er programmiert selbst und forscht im Bereich Interfaces.

mehrwertzone: Quadrophonia #3.0 findet bereits zum dritten Mal statt. Wie hat sich das Festival bisher so entwickelt?

Michael Ammann: Beim ersten Mal auf AEG bei der Zentrifuge waren vornehmlich regionale und drei überregionale Klangkünstler mit dabei. Klangkünstler aus meinem Bekanntenkreis, die sich erstmalig mit dem Sujet Raumklang bzw. Quadrophonie beschäftigten. Beim zweiten Mal im Theater „O“ in Nürnberg gab es eine internationale Ausschreibung, zu der sich ca. 60 Künstler aus ganz Europa und den USA bewarben. Am Ende waren es sechs Künstler aus Griechenland, England und Deutschland. In diesem Jahr recherchierte ich selbstständig und lud Künstler aus Österreich, Griechenland, Frankreich und Deutschland ein. Das war nicht so arbeitsintensiv und ich hatte gezielt Künstler angesprochen, die in ihrem bestehenden Schaffen die mir wichtigen Parameter bedienen, welche die Qualität und Einzigartigkeit dieses Festivals ausmachen.

mehrwertzone: Ist es eine „Nischenveranstaltung“ oder besteht die Chance auf ein breiteres, an avantgardistischen Formen interessierten Publikum?

Michael Ammann: Quadrophonia ist in diesem Jahr in den „heiligen Hallen“ des Neuen Museum bestens platziert; das Team des NMN ist ein sehr entgegenkommender Kooperationspartner. Leider ist in diesem Jahr der Hörkunstverein aus Erlangen nicht mehr dabei, denn die haben sich inzwischen aufgelöst (Sehr vielen Dank für die Kooperationen in den vergangenen Jahren). Die Frage, ob Q4 eine Nischenveranstaltung ist, stellt sich für mich nicht: es richtet sich an ein Publikum, das Lust hat, das Wagnis einzugehen, tradierte Hörgewohnheiten und Ästhetisierungen hinter sich zu lassen und dem mitunter sehr persönlichen Hörerlebnis Raum zu geben und sich auf die Spannung des Neuen, bzw. Unbekannten einzulassen. Ich selbst kenne in meinem Leben nichts, was mich stärker euphorisiert, stärker berührt und genussreicher ist.

mehrwertzone: Was passiert denn in der internationalen Szene der Klangkünstler? Ist man andernorts schon weiter mit der Entwicklung und der Rezeption?

Michael Ammann: Ich habe keinen wirklichen Überblick über die Szene oder die Festivals andernorts. Dazu bin ich zu sehr in meinem künstlerischen Tun behaftet, als dass ich Zeit Q4#3.0_Motivund Lust aufbringe, zu recherchieren was andere so machen. Das hat mir noch nie Spaß gemacht. Aus den Rückmeldungen der Künstler, die bislang mitgemacht haben, weiß ich aber, dass es ein ähnlich konzipiertes Festival nirgendwo sonst gibt. Zwar gibt es Raumklang Festivals oder Festivals mit diesem Schwerpunkt, es gibt auch viele Künstler, die surround arbeiten, allerdings ist das Besondere an Q4 neben „frei improvisierten Raumklang“, „undefinierbaren Klangobjekten (UKO)“, „elektroakustischer Klangsynthese“ das vernetzte, interagierende Spiel. Denn das Besondere wird sein, dass die Künstler nicht nacheinander auftreten, sondern miteinander bzw. ineinander agieren. Somit besteht ein hohes Vernetzungspotential, und Künstler, die normalerweise ihre eigene Form der Präsentation haben, können, ohne das ihr persönlicher künstlerischer Output gefährdet ist, miteinander laborieren.
Zum Ende des Gesprächs möchte ich noch die Gelegenheit nutzen, mich außerordentlich bei den Städten Nürnberg, Fürth, Erlangen, der Kulturstiftung der Sparkasse Nürnberg, den Firmen Eggs’n’Bulbs, Flyermeier und Thomann, dem Advantage Apartment Hotel Nürnberg, der Firma Thomann, der A.d.b.K Nürnberg und den engen Kooperationspartnern Neues Museum Nürnberg und Zentrifuge e.V. Nürnberg zu bedanken.

mehrwertzone: Viel Erfolg damit und danke für das Gespräch!

 

Rainer Hertwig am 26. Januar 2015

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