Europolis – eine Stadt von Fredder Wanoth

(über GalleryTalk Review)

von Petra Weigle

Meine Damen und Herren, können Sie sich noch erinnern, wann Sie zuletzt eine Landkarte oder einen Stadtplan in der Hand hatten, also so was Gefaltetes aus Papier, meine ich?

Was für eine Frage – im 21. Jh – im Zeitalter von Map App, Smartphone, GPS.
Und sicher sind die meisten unter Ihnen längst von dem sinnlich haptischen Faltpapier auf das mit Map App ausgestattete Smart-phone als ständigen Begleiter umgestiegen – diese elektronische Variante des Unterwegs- und in der Welt Seins, wo Sie nicht nur mit dem hightec Simulationsmedium googlearth Blitz schnell in New York oder Hamburg sind, sich dort umschauen können – voyeuristisch aus der Vogelperspektive – um dann auch gleich wieder in St. Petersburg oder anderswo einzutauchen und durch die Straßen zu schlendern.

Fredder Wanoth inmitten von „Europolis“. Foto: © Uwe Niklas, Nürnberg

Wo Sie immer den gesamten Weltatlas im Gepäck haben, ungehindert nahezu überall hinkommen und doch nicht dort gewesen sind. Nun wer unter den Anwesenden ganz sicher Smartphone frei ist, ist der Künstler Fredder Wanoth, er hat auch keinen Computer, kein Labtop, kein Auto.

Fredder Wanoth zieht es vor ohne Navigation zu reisen, delegiert die schöne Aufgabe der Reise- und Routenplanung keinem Satelliten gestütztem Global Positioning System (GPS). Das mag unserer Zeit nicht gemäß erscheinen, meint aber keinesfalls ein Rückwärts-gewandtsein, es hat auch keinen romantisierenden Ansatz und wenig mit Nostalgie zu tun. Vielmehr ist Wanoth ein glasklar Wahrnehmender, der über die Distanz zu der alles beherrschenden Technik und Elektronik in unserer Zeit eine ungewöhnliche Blickachse wagt.

Das Unterwegssein ist für den Städtesammler und Stadtgründer Wanoth ein sich Annähern und ein inspirierendes Sammeln von Eindrücken, eine Passion, die ihn abseits des touristischen Mainstreams in Städte und Ortschaften führt, die der globalen Nivellierung noch etwas entgegenzusetzen haben. Auf seinen vielen Fahrten durch Mittel- und Osteuropa spürt er dem Spezifikum, dem Phänomen von Urbanität nach, beschäftigt sich auf ebenso eigenwillige wie phantasievolle Weise mit dem urbanen Raum, seinem Erscheinungsbild und seinen soziostrukturellen Bezügen.

Die gewonnenen Eindrücke werden als Fotografie oder Skizze in den zahlreichen Reisetagebüchern und Arbeitsjournalen des Künstlers festgehalten und bilden den schier unerschöpflichen Material- und Ideenspeicher für seine visionären architektonischen Gegenentwürfe.Gründlich, akribisch, fast manisch arbeitet Wanoth und gibt in Fotos wie Modellen, Zeichnungen und Skizzen konzentrierte Ausschnitte eines/seines reflektiert globalen Blickwinkels.

Installationsansicht: u.a. »Hotel Intourist«, »Isaak-Kathedrale«, »Hotel Intourist – Entrée«, 1992/1993

Installationsansicht: u.a. »Hotel Intourist«, »Isaak-Kathedrale«, »Hotel Intourist – Entrée«, 1992/1993

Dem weitgehend von Beton, Glas, Stahl und Einfallslosigkeit geprägten Städtebau unserer Tage setzt der Künstler seinen Idealstadtentwurf »Europolis« bzw. seine fragilen Modelle aus Lindenholzstäbchen, Gips und Zeitungspapier entgegen und gibt damit eine künstlerische Antwort auf jede Form von uninspirierter Baukastenarchitektur mit ihrer »zusammengestapelten Monumentalität vorgefertiger Teile« (Wanoth).

 Wanoth lebt und arbeitet in Nürnberg und Fürth, wo er in seinem Atelier immer wieder Gelegenheit gibt – ich empfehle Ihnen diese wahrzunehmen -, gemeinsam mit ihm über »Holzsägen und Schnitzen als Vorbereitung auf die Realität«, aber auch über Stadtplanung zu diskutieren.

Fredder Wanoth: Die Reise nach Europolis.  Foto: © Uwe Niklas, Nürnberg

Fredder Wanoth: Die Reise nach Europolis. Foto: © Uwe Niklas, Nürnberg

Für die Ausstellung im Atelier- und Galeriehaus Defet hat Fredder Wanoth aus seinem umfangreichen Archiv mit über 160 Modellbauten und unzähligen Zeichnungen eine Auswahl getroffen und zu einer Werkschau kombiniert, die den Betrachter mitnimmt auf »Die Reise nach Europolis«, einer künstlerischen Modellwelt, die mit Witz und Ironie die herrschende Praxis bei Städtebau und Stadtplanung bis zur Kenntlichkeit verzerrt.
Über uns die »Brücke von Cernavoda«, vor uns »Das Heiland-Bräu-Stadion« oder im Eingangsbereich die wuchtige »Zettelkongresswand«, auch gibt es eine zur Fischkonservenfabrik umgebaute Kirche sowie den Vatikan.

Und unter dem Titel »Donau total« haben wir hier auch eine komplette, üppig kommentierte Reiseaufzeichnung einer Schriffsreise von Passau bis an die Donaumündung und zurück.

Fredder Wanoth: Die Reise nach Europolis – Architekturmodelle & Städtepanoramen 1993 – 2012

Fredder Wanoth: Die Reise nach Europolis – Architekturmodelle & Städtepanoramen 1993 – 2012

Nehmen Sie sich die Zeit und lesen Sie sich von Blatt zu Blatt und damit von Reisestation zu Reisestation – es ist äußerst kurzweilig.

Fredder Wanoth als subversiven Totalkünstler zu bezeichnen, kommt seinem künstlerischen Schaffen sicher sehr nahe, denn – immer mit Fotoapparat und Zeichenstift unterwegs – ist er nicht nur Stadtgründer und – planer, Architekt, Modellbauer, Zeichner, Maler, Neuformulierer, Urbanethnologe, sondern auch – wie erwähnt – Reisejournalist, der über eine sehr schöne Sprache verfügt und viel zu erzählen weiß.
Daher möchte ich nun das Wort an ihn übergeben, damit er uns ein paar Takte lang durch Europolis führt.

Fredder Wanoth: Ausblick über Europolis. Foto: © Uwe Niklas, Nürnberg

Fredder Wanoth: Ausblick über Europolis. Foto: © Uwe Niklas, Nürnberg

WANN: Ausstellungsdauer: 12. Mai 2013 bis 20. Juli 2013
Wo:
Atelier- und Galeriehaus Defet Gustav-Adolf-Str. 33, 90439 Nürnberg

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