Gegenwartskunst hat hier Tradition! Eva Schickler über das Galeriewochenende RathausART

(über GalleryTalk Interview)

RathausART Logo © Stadt Nürnberg

RathausART Logo © Stadt Nürnberg

Eva Schickler ist Kunsthistorikerin, arbeitete als Galeristin und ist als freie Kuratorin tätig. Seit 15 Jahren engagiert sie sich für die Vermittlung von zeitgenössischer Kunst und ist eine von drei Kuratoren/-innen der RathausART.
Gallerytalk: Frau Schickler, Sie beraten das Kulturreferat der Stadt Nürnberg, das die RathausART veranstaltet. Wie entstand die Idee ein Galeriewochenende auszurichten? 
Eva Schickler: Grundlegender Ansatzpunkt ist, dass Albrecht Dürer einst hier im Rathaus ja schon seine Werke verkaufen ließ. Damit kam Annekatrin Fries, die zuständige Projektleiterin für die Dürer-Aktivitäten des Kulturreferates der Stadt Nürnberg, damals im Vorfeld des „Jahres der Kunst 2012“ auf mich zu: Parallel zum Dürer Schwerpunkt im Historischen Rathaussaal, sollte in der Ehrenhalle Kunst präsentiert werden, die man vor Ort dann auch erwerben kann. So lag es nahe, den Focus auf professionelle Nürnberger Galerien zu legen.
Nach dem erfolgreichen Start der ersten RathausART im Jahr 2012 und dem Wunsch der teilnehmenden Galerien nach einer Fortsetzung, setzte sich Kulturreferentin Prof. Dr. Julia Lehner für eine erneute Auflage ein. Anliegen ist, der Galerienszene den Rücken zu stärken.  Das Galeriewochenende ist eine neue Plattform für zeitgenössische Kunst, die es in Nürnberg in der Form auch noch nicht gab. Das Historische Rathaus bildet insofern den idealen Rahmen, da es im Kontext von Dürer, Kunstgeschichte und Geschichte von Bedeutung ist, also Vergangenheit und Gegenwart verbindet, eine eigene Ausstrahlung hat und zudem superzental im Herzen der Stadt liegt. Es wird daher gerne von internationalen Touristen und kunstinteressiertem Publikum besucht.
Malerei verbindet: Galerie LS LandskronSchneidzig neben der Oechsner Galerie, Foto: © Constanze Hofmann

Malerei verbindet: Galerie LS LandskronSchneidzik neben der Oechsner Galerie, Foto: © Constanze Hofmann

Gallerytalk: Gibt es einen Leitgedanken bei der Auswahl der Galerien?
Eva Schickler: Da 2013 zusätzlich der Historische Rathaussaal und das Zimmer 9 zur Verfügung standen, konnte der Teilnehmerkreis nun auf die Region etwas erweitert werden. Leitgedanke ist, die tatsächlichen „Macher“ der Region in den Focus der Aufmerksamkeit zu rücken. Denn Galerien leisten einen wesentlichen Beitrag für Künstler wie auch für das Kulturleben einer Stadt. Sie bringen neue Kunst oft erstmals überhaupt in das Licht der Öffentlichkeit und in Museen. Gleichzeitig sind sie auch Botschafter für die Metropolregion Nürnberg auf Kunstmessen und externen Ausstellungen.
Gallerytalk: Wo kommen Sie da ins Spiel?
Eva Schickler: Annekatrin Fries hat mich, wie gesagt, noch vor der ersten Veranstaltung hinzugezogen, daher bin ich sozusagen von der ersten Sekunde an auch im Planungs- und Organisations-Team der RathausART. Während anfangs erst die wesentlichen Strukturen zu schaffen waren, ging es nun vor allem um die Weiterentwicklung. Eine Neuerung 2013 war, dass es diesmal einen Fachbeirat gab; eine Maßnahme, die sich bei ähnlichen Veranstaltungen wie z.B. Kunstmessen bewährt hat und insofern zum  Erfolg beiträgt, in dem Empfehlungen für die Auswahl der Galerien gegeben wurden. Mit dabei waren Hans-Peter Miksch, Leiter der kunst galerie fürth, und Petra Weigle vom Institut für moderne Kunst in Nürnberg, beides Kunstexperten, die einen Überblick über die aktuelle Kunst- und Galerienszene haben. Wir haben uns aber nicht nur auf unsere Kenntnisse verlassen, sondern durchaus auch sehr intensiv in sämtlichen verfügbaren Online Portalen wie Veranstaltungskalendern recherchiert und uns teilweise dann auch vor Ort in Galerien umgeschaut. Denn es gibt ja viele die sich „Galerie“ nennen.
Gallerytalk: … und es nicht sind?
Eva Schickler: Für die Auswahl der Galerien wurden bestimmte Mindestkriterien zugrunde gelegt. Entscheidend waren: Das persönliche Engagement, ein kontinuierliches Ausstellungprogramm zu zeitgenössischer bildender Kunst, eigene Räume mit einer entsprechenden Präsentationsmöglichkeit, Öffnungszeiten während der Ausstellung, Öffentlichkeitsarbeit, eine Homepage bzw. Informationen im Internet und die Galerie sollte keine „Produzentengalerie“ sein und auf jeden Fall aus der Metropolregion Nürnberg stammen.
Genau hinschauen lohnt sich bei Katharina Dietlinger in der Koje der Galerie Hafenrichter, Foto: © Constanze Hofmann

Genau hinschauen lohnt sich bei Katharina Dietlinger in der Koje der Galerie Hafenrichter, Foto: © Constanze Hofmann

Gallerytalk: Haben die Galerien freie Hand in der Auswahl der Werke? Entstehen Ausstellungsstücke extra für dieses Wochenende?
Eva Schickler: Ja, das muss auch so sein. Denn jede Galeristin, jeder Galerist ist ja selbst Initiator, Motor und auch Multiplikator und damit eigenverantwortlich für das inhaltliche Stand-Konzept. Die Intention von unserer Seite jedoch war, dass die RathausART als eine Art Leistungsshow verstanden wird, Vorgabe war deshalb ein kurzes Konzept einzureichen. So haben sich Bode, Feller, LandskronSchneidzik und Pfaff für thematische Ansätze entschieden, Lutz und Bunsen Goetz für die Gegenüberstellung von zwei Künstlern aus ihrem Galerieprogramm.
Andere haben auf neue Formate gesetzt, beispielsweise die Installation „Beute der Meute“ von Kerstin Himmler, einer Balkenhol Schülerin bei LOFT, oder die wandfüllende Videoprojektion „Sorry“ von Stefan Panhans bei Bühlers. Ausdrücklich gewünscht war zusätzlich eine Beteiligung am Begleitprogramm z.B. also Künstlergespräche, Vorführungen sowie Skulpturenpräsentationen. Das Publikum spürt letztendlich, ob sich die Teilnehmer mit Leidenschaft engagieren, ob das Angebot im Großen und Ganzen Substanz hat, lebendig, abwechslungsreich und spannend ist  – ob man etwas entdecken kann, was man in der Galerie so noch nicht gesehen hat. Im Programmheft, das auch im Internet abrufbar ist, kann man sich über das gesamte Angebot informieren.
Gallerytalk: Wie sehen Sie das Angebot der Galerien in Nürnberg, Fürth und Umgebung?
Eva Schickler: Glücklicherweise gibt es derzeit in Nürnberg und der Region einen Zuwachs an Galerien. Von Newcomern bis hin zu großen Namen, von moderner Skulptur bis hin zu brandaktuellen Kunstgattungen sowie innovativen, frischen Ansätzen sind alle Medien und viele interessante künstlerische Positionen vertreten.
Das spiegelt sich besonders auf der RathausART, da die unterschiedlichen künstlerischen Haltungen und verschiedenen Ansätze der Galerien an einem Ort gebündelt und vergleichbar sind. Die Galerien in Nürnberg, Fürth und Umgebung sind insgesamt also durchaus gut aufgestellt. Und es lohnt sich wirklich genau hinzusehen, sich die Zeit zu nehmen und  immer wieder auch in die Galerien zu gehen und „mit den Galeristen in den Dialog zu treten“, wie es Sabine Krebber von international art dialog in ihrem Rundgang formuliert hat.
Mit Kunst leben, sich damit auseinanderzusetzen, bereichert das Leben ja unglaublich. Wie jeder einzelne aber das Angebot sieht,  da kommt  es ja auch darauf an, was er persönlich erwartet. Die interessante Frage ist also eher, wie mutig und aufgeschlossen eine Gesellschaft ist, je offener die Kundschaft in Sachen Kunstkauf, desto eher die Chance, dass Galerien und ihre Künstler auch langfristig überleben /leben können, und das ist für den Standort einer Metropolregion nicht nur wünschenswert, sondern eigentlich  unverzichtbar.

Auch in der engen Koje eindrucksvoll: Kerstin Himmlers „Die Beute der Meute“, Foto: © Constanze Hofmann

Gallerytalk: August ist die klassische Ferienzeit. Das Bardentreffen, der große Nürnberger Musikevent liegt erst eine Woche zurück. Lohnt es sich für die Galerien sich hier zu präsentieren?
Eva Schickler: Noch vor der Öffnung am Sonntag um 11 Uhr standen schon über 200 Leute Schlange und warteten auf Einlass. Die Galerien werden durch diese Veranstaltung explizit in den Blickpunkt der Öffentlichkeit gerückt, Sie erhalten damit erstmals die ungeteilte Aufmerksamkeit. Dass sich eine Stadt mit Oberbürgermeister Dr. Ulrich Maly und Kulturreferentin Prof. Dr. Julia Lehner offiziell bei den teilnehmenden Galeristinnen und Galeristen bedankt und deren Arbeit würdigt, ist außerdem eine wunderbare Geste.
Was den ökonomischen Gesichtspunkt angeht wurde die Grundmiete für eine Kojen-Einheit von drei Meter Breite und  zwei Metern Tiefe mit 300 Euro bewusst kostengünstig angesetzt, so dass sich die Unkosten leichter tragen, vielleicht auch amortisieren lassen. Es wurde noch mehr in Werbung als beim ersten Mal investiert, eine Medienpartnerschaft mit den Nürnberger Nachrichten wurde eingegangen. Das Programmheft mit allen Galeriepräsentationen wurde in einer hohen Auflage gedruckt und verteilt. Die gesamte Öffentlichkeitsarbeit war für die Galerien kostenfrei.„Das ist sensationell. Wann kriegt man hier in der Region schon mal so viel Aufmerksamkeit, der Besucherstrom reißt nicht ab.“  so das Fazit des Galeristen Jürgen Pfaff.
Gallerytalk: Das heißt es wurde auch verkauft?
Eva Schickler: August ist zwar nicht der verkaufsstarke Monat für Kunst, es ist aber auch eine Terminfrage, denn das komplette Historische Rathaus inklusive Rathaussaal für die Veranstaltung freizuhalten, das ist nicht so einfach möglich. Umso erfreulicher ist es, dass es auch Verkäufe gab und es sich teilweise für Galerien auch ökonomisch rechnete. Laurentiu Feller konnte beispielsweise einige Werke von Martin Tibabuzo und Annette Oechsner drei Gemälde von Gerhard Mayer verkaufen. Bei  Lutz wechselte ein Bild von Bernhard Maria Fuchs den Besitzer. Bei LandskronSchneidzik, Bode und Pfaff wurden einige Skulpturen verkauft. Auch Exemplare der von Josef Hirthammer speziell für die RathausART entwickelten und von Drucker Barth life vor Ort produzierten Radierung, eine  Initiative der  Galerie VON&VON, fanden beim begeisterten Publikum Abnehmer. Insgesamt konnten auch neue Kontakte verzeichnet werden und man muss vermutlich auch noch abwarten, was sich im Nachhinein noch an Nachgeschäften ergibt. „Dass man sich unter Kollegen mal kennenlernt, trifft, austauscht und vielleicht dann auch mal zukünftig was gemeinsam macht“ empfand Inge Landskron als einen weiteren positiven Nebeneffekt.

Geklebt nicht gemalt: Evi Kupfers Bilder entstehen mit „Tape“, Foto: © Constanze Hofmann

Gallerytalk: Haben Sie einen persönlichen Favoriten  unter den ausgestellten Werken und wenn ja, warum?
Eva Schickler: Als Kunsthistorikerin hat das Interesse für komplexe, interpretationsoffene Ansätze und die Bedeutung eines Werkes in Kontexten möglicher Entwicklungsgeschichten oder Zeiträumen Priorität, als Kurator spielen räumliche Bezüge und das Entwickeln neuer Sichtachsen eine weitere Rolle, während es mir als kunstinteressierte Privatperson vor allem um die Intensität der Wirkung geht, die einen nicht mehr los lässt. Als Kurator und Mitorganisator finde ich es sehr erfreulich, dass dieses Jahr noch mehr junge, innovative künstlerische Positionen präsentiert werden. Auf persönlicher Ebene kann ich insgesamt sagen, tatsächlich bei jeder Galerie mindestens einen, manchmal sogar mehrere Favoriten gefunden zu haben und auch die Grüne Art- Bar ist einen Besuch wert. Ihre Frage ausführlich zu beantworten, würde hier allerdings den Rahmen sprengen, nicht zuletzt spricht das wiederum für das Angebot der beteiligten Galerien.
Gallerytalk: Dann freuen wir uns schon auf die nächste RathausART! Vielen Dank für Ihre Antworten.
Das Interview führte Constanze Hofmann für Gallerytalk.

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