„Gesichter“ im Neuen Museum – Eine Preview zur Ausstellung mit Dr. Eva Kraus

(über GalleryTalk Interview)

Heute eröffnet das Neue Museum Nürnberg seine Ausstellung „Gesichter ein Motiv zwischen Figur, Porträt und Maske“. Wir trafen uns vorab zum Gespräch und einer Führung mit Dr. Eva Kraus. Kaum waren unsere Einführungsfragen gestellt, führt uns die charismatische Direktorin schon durch eine, den Augen der normalen Besucher verborgene, Wendeltreppe zum Hintereingang der Ausstellung. Wir finden uns in einer durch Wände teilweise unterteilten Halle wieder. Ganz in den Aufbau und die Hängung der Werke vertieft, werden wir zunächst gar nicht wahrgenommen, alsbald aber herzlich von den Mitarbeitern und der Kuratorin Frau Dr. Melitta Kliege begrüßt. Sofort ist Frau Dr. Kraus in ihrem Element und hat zu jeder Arbeit Erklärungen und Verweisungen parat.

Dr. Eva-Christina Kraus, Foto: Neues Museum, Anna Seibel

Dr. Eva-Christina Kraus, Foto: Neues Museum, Anna Seibel

gallerytalk.net: Wie kam es zu Titel und Konzept der Ausstellung „Gesichter – Ein Motiv zwischen Figur, Porträt zum Maske“?
Frau Dr. Eva Kraus: Ebenso wie die Gerhard Richter Ausstellung wurde auch diese vom Team und meiner Vorgängerin lang im Vorfeld geplant. Uns war es vor allem wichtig, nach der Präsentation eines einzelnen Künstlers wieder ein populäres kunsthistorisches Thema aufzugreifen. Die technische Entwicklung, die von Selfies in sozialen Netzwerken bis hin zu biometrischen Passbildern reicht, nimmt großen Einfluss darauf, welche Bedeutung dem Gesicht mittlerweile beigemessen wird. Unsere Kuratorin Frau Dr. Melitta Kliege geht in der Ausstellung der Frage nach, inwieweit sich der Kunstbetrieb seit den achtziger Jahren mit der medialen Selbstdarstellung auseinandersetzt. Das Konzept begegnet somit dem klassischen Thema des Porträtierens auf neue und subversive Weise. Wichtig ist dabei vor allem die der Fokus auf neue künstlerische Strategien im Umgang mit diesem Motiv.

Anhand welcher Kriterien wurde die Auswahl an Künstlern getroffen? Gibt es eventuell ein vorherrschendes Medium?
Die Ausstellung versammelt 20 Positionen, denen allen eine medienkritische Einstellung gemein ist. Die Geschlechteraufteilung ist mit zehn Frauen zu zwölf Männern fast paritätisch. Mit Bruce Nauman, Thomas Ruff, Arnulf Rainer, Andy Warhol und Keith Haring fanden auch einige Sammlungsstücke ihren Weg in die Reihen der ausgestellten Künstler. Wir freuen uns aber sehr, dass einige Arbeiten eigens für die Ausstellung angefertigt wurden und viele der übrigen Künstler mit an der Auswahl ihrer Werke beteiligt waren. Die Zusammensetzung wurde aber vornehmlich an den Themenkomplexen ausgerichtet und war nicht zwingend vom Medium abhängig. So wird unter anderem untersucht, wie Identität in der heutigen Kunst dargestellt wird. Dadurch fanden beispielsweise drei Bilder von Cindy Sherman, die von Rollenbildern handeln, ihren Weg in die Ausstellung.

Thomas Ruff, Porträt, 1989, Chromogener Farbabzug mit Diasec Face kaschiert, 210 x 165cm, Neues Museum Nürnberg, Leihgabe Sammlung Birner-Wittmann, Foto: Benita Böhm

Thomas Ruff, Porträt, 1989, Chromogener Farbabzug mit Diasec Face kaschiert, 210 x 165cm, Neues Museum Nürnberg, Leihgabe Sammlung Birner-Wittmann, Foto: Benita Böhm

Welche weiteren Themenkomplexe wurden gebildet? Welche  neuen Darstellungsmethoden und Umgangsweisen mit dem Motiv des Gesichts werden gezeigt?
Im ersten Raum gehen wir unter dem Titel „Porträt ohne Porträt“ der Bedeutung des Selbstbildnisses nach. Ging es in der klassischen Porträtmalerei noch darum, eine individuelle Person abzubilden, nehmen zeitgenössische Künstler eine Standardisierung des menschlichen Gesichts vor. Bei Thomas Ruff wird durch die Anordnung und die Normierung der Fotografien in Form des Passbildes eine einheitliche Masse geschaffen, in der das Individuum unrelevant wird. In der Arbeit „Imogen“ von Julian Opie wird deutlich, wie schematisiert menschliche Emotionen transportiert werden können. Durch die Reduktion der Mimik verzerrt der Künstler die physiognomische Einzigartigkeit seiner Modelle. Einer der hinteren Räume namens „Physiognomie“ stellt ausgehend von der Büste „Der Satirikus“ von Franz Xaver Messerschmidt das Gesicht als Körperteil in den Vordergrund. Messerschmidt hat in seinen Skulpturen mit grimassenhaften Gesichtszügen experimentiert. Dabei wird zwar eine starke Emotionalität suggeriert, es geht aber vor allem darum, die Möglichkeiten der Darstellung auszureizen und die Grenzen der Mimik auszutesten. Diesem Beispiel folgt Arnulf Rainer, der verzerrte Porträts von sich in einem Passbildautomaten aufnimmt. So auch Wiebke Siem, die im Spiegel ihr Gesicht zu Grimassen verzieht und in Porträtmasken einfängt.

Arnulf Rainer, Face Farces, 1970, Schwarzweißfotografie & Vintage-Prints, 6 Fotos, 105 x 80cm, Neues Musuem Nürnberg, Foto: Benita Böhm

Arnulf Rainer, Face Farces, 1970, Schwarzweißfotografie & Vintage-Prints, 6 Fotos, 105 x 80cm, Neues Musuem Nürnberg, Foto: Benita Böhm

Ich darf Sie abschließend aus der Pressemitteilung zu Ihrem Amtsantritt  zitieren: „Auf das Publikum des Neuen Museums, die Stadt, die Region und ihre Kulturszene bin ich sehr neugierig.“ Wie haben Sie Nürnberg aus der Sicht einer Münchnerin wahrgenommen und kennengelernt? Verraten Sie uns und unseren Lesern einige Ihrer Nürnberger Entdeckungen?
Ich war von Anfang an von der aktiven und lebendigen Kunst- und Kulturszene begeistert. Nürnberg hat ein breites und großes Angebot und vor allem auch tolle Institutionen. Ich wurde hier herzlich und offen aufgenommen. Aktuell kann ich die Ausstellung von Alicja Kwade in der Kunsthalle Nürnberg sehr empfehlen. Das Haus, dessen Wirken weit über die Region hinausstrahlt, agiert auf internationalem Niveau und ist immer einen Besuch wert. Außerdem habe ich das Kommunikationsmuseum für mich entdeckt, das momentan eine Ausstellung zur Kulturgeschichte des BH zeigt. Neben den Dauerbrennern wie dem Dürer-Haus lohnt es sich auch in anderen Bereichen umzuschauen. Meiner Meinung nach sollte jeder von uns ein Mal im Leben das Nürnberger Reichsparteitagsgelände gesehen haben.

WANN: Die Ausstellung wird am Donnerstag, den 19. März 2015 um 19:00 Uhr eröffnet und läuft bis zum 21. Juni 2015.
WO: Neues Museum Nürnberg, Klarissenplatz, 90402 Nürnberg

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