Jede Linie hat ihren eigenen Charakter

Die Biennale der Zeichnungen präsentiert Günter Walter

guenterwalter_orange-blau_gelb-violett2004-01-2015

Günter Walter: Orange – Blau – Gelb – Violett

Das Ausstellungsprojekt „Biennale der Zeichnungen“ in Nürnberg, Fürth, Erlangen, Schwabach und Zirndorf präsentiert Zeichnungen, die mehr sind als nur ein Erzeugen von Linien auf Papier. Zeichnung kann Skulptur sein und Rauminstallation, Selbstbefragung, Prozess oder Relikt einer Aktion – einfach jedes lineare Geschehen. Die mehrwertzone stellt im Laufe der nächsten Wochen in Gastbeiträgen einzelne KünstlerInnen der Biennale der Zeichnungen im Interview vor. Seit 15. Januar stellt der Kunstverein Erlangen Werke des Freiburger Künstlers Günter Walter aus. Im  Gespräch mit dem Kunstverein verrät er sein Verhältnis zur Linie und in welchem Spannungsfeld er seine ungegenständlichen Arbeiten sieht.

 

Wenn ich den Begriff „Zeichnung“ höre, käme ich nicht darauf, an konkrete Kunst zu denken – an Linien und Farbstifte. Wie sind Sie darauf gekommen, so zu zeichnen?

Ursprünglich bedeckte ich Flächen mit übereinanderliegenden Schraffuren aus kurzen gestrichelten Farblinien. Meine Arbeitsweise war subjektiv bestimmt, intuitiv und spontan. Später war es mir wichtig, das Subjektive in meinen Zeichnungen zu reduzieren und stattdessen ein nachvollziehbares Konzept zu entwickeln. So kam ich von der freigestrichelten zur geraden Linie. Sie dient mir als exaktes Mittel dazu, einen präzisen Bildplan zu erstellen und behält dennoch ihre subjektive Identität.

Als Anhänger der konkreten Kunst verweist in Ihren Werken nichts auf die sichtbare Welt. In wie weit werden Sie aber durch Eindrücke im Alltag inspiriert?

Das Spiel von Licht und Schatten, z.B. auf einem alten Schaufensterrollo aus Metall im gleißenden Sonnenlicht kann mich zu einer Serie von horizontalen Bleistiftzeichnungen inspirieren. Ebenso das Liniengerüst, das der Schatten eines Balkongeländers auf eine Fläche zeichnet oder die Farben des Lichts auf der feuchtglänzenden Metalloberfläche eines Kanaldeckels.

Wie entsteht eine Arbeit vor Ihrem inneren Auge? Haben Sie einen Plan oder überlassen Sie sich der Entwicklung?

Eine Bildidee geht oft zurück auf etwas, was ich gesehen habe. Sie ist vor meinem inneren Auge sichtbar, gespeichert und abrufbar. Dieser Idee nähere ich mich in vielen Schritten zeichnerisch, skizzenhaft, experimentell an, um zu erkunden, ob sie umsetzbar ist. Wenn das funktioniert, greife ich zum Lineal und erarbeite einen präzisen Bildplan.

Wie erkunden Sie die Wirkung der Farben miteinander? Entstehen Ihre Werke aus einem experimentellen Prozess heraus? Entsteht das Bild vor allem durch Verdichtung?

Nachdem ich mich für ein Farbspektrum und die Anzahl der Stufen entschieden habe, zeichne ich von jedem Ton ein kleines schraffiertes Feld und reihe dann diese Felder in Bänder aneinander, um zu untersuchen, wie gut die Farbtöne zueinander passen. Dann setze ich die Farblinien zueinander in Beziehung und suche den richtigen Abstand der parallelen Linien.

In Ihren Werken entstehen aus engen parallel gesetzten Konstruktionslinien Strukturnetze, die sich wie ein vibrierendes Raster zusammenfügen. Dabei zeichnen Sie die geraden Linien mit Farbstiften hauptsächlich per Hand ohne Lineal. Welche Bedeutung hat für Sie die handgeführte Linie?

Ohne Lineal zeichne ich nur in der Erkundungsphase. Für die Ausführung eines Bildplans benutze ich ein Lineal. Für mich ist es dennoch wesentlich, dass die Linien mit der Hand gezogen werden, weil sie nur so eine subjektive Identität bekommen. Jede Linie hat ihren eigenen Charakter. Der hängt von meiner Hand, meiner Konzentration und dem verwendeten Material ab.

Sie hatten sich beim KVE für eine Einzelausstellung beworben. Nun haben wir Ihre Arbeiten dafür ausgesucht, im Rahmen der 4. Biennale der Zeichnung gezeigt zu werden. Sie werden einen Gegensatz darstellen zur Fülle figurativer Zeichnungen in den anderen Institutionen. Wie sehen Sie sich in diesem Kontext?

Es gibt heute sehr viele verschiedene Wege, Kunst zu machen. Ich habe mich für den gegenstandslosen Weg entschieden. Nur dieser gibt mir die Freiheit, die ich brauche. Es ist mir wichtig, dass meine Arbeiten rational nachvollziehbar sind und auch das Wahrnehmungsspektrum unserer Augen und unserer Psyche ausloten. Ich möchte meine Zeichnung im Spannungsfeld von physikalischen Gegebenheiten und psychischer Wirkung ansiedeln.

Gastbeitrag des Kunstverein Erlangen e.V.: Gunhild Schweizer und Amelie Gerhard

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Rainer Hertwig am 16. Januar 2017

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