Lass dich mal anschauen: VideoWorkCase auf dem Willy-Brand-Platz

(über GalleryTalk Interview)

Zwei Glasaufgänge von der Tiefgarage zum Willy-Brand-Platz, so weit, so banal. Die Treppenanlagen wirken auf dem bepflanzten Platz, wo der ehemalige Bundeskanzler als Bronzeguss einsam unter Kirschbäumen sitzt, so funktional, dass der Drang entsteht sie zu beleben – dachte sich Klaus Haas, Künstler & Projektgründer des VideoWorkCase.
Entstanden sind insgesamt acht Videoflächen, die sich „als Videoskulptur, Installation und […] Beitrag zur Debatte um Kunst im öffentlichen Raum“ verstehen.

Jeremy Shaw über seinen Trip: „Fucking intense holy fuck“, Foto: © Constanze Hofmann

Aktuell bespielt Jeremy Shaw (Canada) mit seiner Videoarbeit „DMT danach“ die Leinwände. Zu sehen sind acht Freunde und Freundinnen von Jeremy Shaw, die er um ein kleines freiwilliges Experiment mit der Droge DMT gebeten hat: Sie werden  jeweils in der cleanen Umgebung eines persilweissen Bettes gezeigt. Die Kamera über ihren Gesichtern fängt Mimik und Gestik  ein, die Untertitel stammen aus Interviews über ihren Trip.

DMT - und was was mit dir macht. Dieser Freund von Jeremy Shaw sieht nicht unglücklich aus. Foto: © Constanze Hofmann

DMT – und was was mit dir macht. Dieser Freund von Jeremy Shaw sieht nicht unglücklich aus. Foto: © Constanze Hofmann

Drogentrips als experimentelle künstlerische Arbeit? Fast schon altmodisch? Ashkan Sahihis „Drug Series” zeigen Menschen unter Einfluss verschiedenster Substanzen, Bryan Sauners malt seine Selbstportraits nach dem Genuss verschiedener Rauschmittel und Sarah Schönfeld betreibt Drogenmalerei. Ganze Ausstellungen beschäftigen sich mit Mittelchen und den Menschen, die sie schlucken.

Zeit also, den VideoWorkCase auseinander zu nehmen und bei Projektinitiator Klaus Haas und Co-Kurator Andreas Templin nachzufragen:

gallerytalk.net: Woher kommt die Idee mit der Videoinstallation im Öffentlichen Raum?

Klaus Haas: Die Idee entstand aus meiner eigenen Arbeit mit Videokunst. Es gibt relativ wenige Präsentationsmöglichkeiten für Videokunst im öffentlichen Raum. Diese Situation hatte mich veranlasst, mögliche Präsentationsorte im Stadtzentrum zu erkunden, die dies auf ungewöhnliche Art und Weise möglich machen könnten.

Durch das Beobachten und Suchen verschiedenster Plätze innerhalb des Innenstadtbereiches war es offensichtlich, daß genau dieser Platz herausragende Vorraussetzungen bietet. Die Situation mit den beiden Dan Graham-artigen Tiefgaragenaufgängen ist in ihrer Art und Weise einmalig. Nur durch diese besondere Örtlichkeit mit ihren einmaligen Rahmenbedingungen war es möglich, eine Art video-skulpturale Situation mit acht Videostreams zu schaffen, die in dieser Erscheinungsform im öffentlichen Raum ungewöhnlich ist.

Drogenvideos für Dauerparker. Foto: © Constanze Hofmann

Drogenvideos für Dauerparker. Foto: © Constanze Hofmann

gallerytalk.net: War ja klar: Nürnberg ist der Nachzügler in der urbanen Raumgestaltung. Aber warum auf dem Willy Brandt-Platz, der umgeben von Bürokomplexen am Abend wenige Menschen anzieht, gerade dann, wenn die Videoarbeiten besonders gut wirken ? 

Klaus Haas: Im Gegenteil: In diesem Bereich der Nürnberger Innenstadt befinden sich, in Laufnähe, die Albrecht-Dürer-Gesellschaft, die Kunsthalle, das Neue Museum und das Germanische Nationalmuseum. Videoworkcase liegt somit auf einem gedachten Parcour und ergänzt diesen um Videokunst im öffentlichen Raum. Die vielen Reaktionen von Kunstinteressierten, die sich seit der Eröffnung zum Willy-Brandt-Platz aufgemacht haben, lässt vermuten, dass gerade ein abendlich verwaister Innenstadtplatz solche Ideen benötigt.

Übrigens wird das Parkhaus vor allem am Wochenenden stark durch das Nürnberger Nachtleben frequentiert. Direkt vor Ort befindet sich der Club Goija. Auch der direkt anliegende Busbahnhof sowie der Hauptbahnhof zieht viel Publikum. In den Wintermonaten hat man zudem auch tagsüber die Gelegenheit, die Videoinstallationen anzusehen, da die Dämmerungssensoren die Anlage bereits nachmittags einschalten. Daher schien es uns günstig, die Präsentation vorläufig auf die Wintermonate zu beschränken.

Breitseite: In der Nähe ist ein Nachtclub. Hier ist Zeit zur Reflexion zum Thema. Foto: © Constanze Hofmann

Breitseite: In der Nähe ist ein Nachtclub. Hier ist Zeit zur Reflexion zum Thema. Foto: © Constanze Hofmann

gallerytalk.net: Wer hat die Arbeit „DMT danach“  ausgewählt? Und wer sucht die folgenden Künstler aus, die die nächsten Arbeiten im VideoWorkCase präsentieren?

Klaus Haas: Der Co-Kurator Andreas Templin und ich wählen gemeinsam die KünstlerInnen aus, wobei Andreas Templin speziell die Kontakte mit den internationalen KünstlerInnen herstellt. Die Entscheidungen welche KünstlerInnen eingeladen werden, wird von uns gemeinsam getroffen.

gallerytalk.net: Warum „DMT“ ? Wo liegt der Reiz der Arbeit?

Andreas Templin: Die großen Themenkreise in der Bildende Kunst werden ja bekanntermaßen durch die individuellen Auseinandersetzungen der einzelnen KünstlerInnen in ihrer jeweiligen Zeit einer permanenten Neubewertung unterzogen. Wie Eva Schickler in ihrer Eröffnungsrede bemerkte, „trieb seit jeher die Sehnsucht nach außergewöhnlichen Erlebnissen, nach Erleuchtung, Ekstasen und Bewußtseinserweiterung Künstler zu Experimenten mit halluzinogenen Substanzen.“

Abgang: Die Treppen führen in ein Parkhaus unter dem Platz. Foto: © Constanze Hofmann

Abgang: Die Treppen führen in ein Parkhaus unter dem Platz. Foto: © Constanze Hofmann

Die Auseinandersetzung Jeremy Shaws mit diesem Themenkreis, jetzt in Nürnberg in Form seiner Arbeit „DMT“ zu sehen, war für uns in mehrerlei Hinsicht interessant. Zum einen ist da diese kühle Zurückweisung des visuellen Ausdrucks, welcher sich häufig in der psychedelischen Bildkultur finden lässt. Durch das strenge, nahezu anthropologisch-wissenschaftliche Setting entsteht ein Hinterfragen dieser bestimmen Bildkultur(en) und stellt bewußtseinsverändernde Erfahrungen in einen vergleichenden, einen kollektiven Kontext. Zum Anderen fanden wir es interessant, daß sich einem ohne weitere Informationen erst nach einiger Zeit erschließt, was diese jungen Männer und Frauen da eigentlich machen.

Es gehört auch eine ganze Portion Mut dazu, sich in einem solchen Zustand der Öffentlichkeit zu exponieren. Diesen intimen, mit Kontrollverlust verbundenen Moment mit Unbekannten zu teilen. Man könnte sagen, daß durch diesen Kontrollverlust die „Alltagsmaske“ der Teilnehmer sich etwas verrückt, etwas preisgegeben wird, was man unter normalen Umstände nicht ohne Weiteres mit Fremden teilen würde. Im Zusammenspiel mit dem öffentlichen Raum und seiner spontanen Form der Begegnung sind diese Aspekte für uns beide sehr interessant.

gallerytalk.net: Vielen Dank, Klaus Hass und Andreas Templin, für diese Hintergrundinfos zu VideoWorkCase, der ersten öffentlichen Videoinstallation in Nürnberg.

Weitere Künstler, die ihre Videoarbeiten auf dem Willy-Brandt-Platz zeigen:
Reiner Bergmann, Dagmar Buhr, Pia Greschner, Klaus Haas, Stefanie Pöllot, Andreas Templin, theoneminutes – a world wide video platform, Kim de Weijer.

Mehr Nacht: Die Videoarbeiten werden nur im Herbst und Winter gezeigt. Foto: © Constanze Hofmann

Mehr Nacht: Die Videoarbeiten werden nur im Herbst und Winter gezeigt. Foto: © Constanze Hofmann

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