Mit Selbstdisziplin und Zielstrebigkeit bis nach Berlin

Ein junger Kreativer des 19. Jahrhunderts: Leopold Ullstein

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Ehemalige Papierhandlung Ullstein, Schwabacher Straße 1. Foto: Stadtarchiv Fürth

mehrwertzone: Hallo Hr. Titel. Beim diesjährigen Festival LESEN! liegt der historische Schwerpunkt beim in Fürth geborenen und aufgewachsenen Papierhändlersohn Leopold Ullstein (1826 – 1899). Vielleicht erläutern Sie uns kurz die generelle Bedeutung von Leopold Ullstein als Verlegerpersönlichkeit?

Volker Titel: Ullstein hat wie kein anderer Unternehmer die Medienlandschaft im pulsierenden Berlin des Kaiserreichs geprägt. Weit über tausend Mitarbeiter waren in seinem Verlag beschäftigt, der mehrere bedeutende Tageszeitungen herausgab. Vor allem aber mit der Berliner Illustrierten Zeitung hat er ein Erfolgskonzept entwickelt, das sein Unternehmen expandieren liess und das auch international Maßstäbe setzte.

Ullstein

Leopold Ullstein um 1860

mehrwertzone: 1826 geboren, ist Ullstein ein Kind des Biedermeiers, einer Zeit der Restauration und des erwachenden bürgerlichen Selbstbewußtseins. Wie prägend war die Fürther Herkunft, sein großbürgerliches Elternhaus und sein jüdischer Glaube für den jungen Leopold Ullstein?

Volker Titel: Das nun ist wirklich spannend: Häufig findet man zu Leopold Ullstein kaum mehr als den Hinweis, dass er in Fürth geboren worden sei. Aber er war bereits ein erwachsener Mann, als er sich entschloss, seine Heimatstadt zu verlassen. Geprägt hat sie ihn intensiv und in mehrerer Hinsicht. Sein Vater, Hajum Hirsch Ullstein, war ein bedeutender Papierhändler aber auch einer der aktivsten Männer in der israelitischen Religionsgemeinde. Dieses jüdische Umfeld war wichtig für den jungen Leopold Ullstein, die Synagoge, die Religionsschule. Hier, wie in der Erziehungsanstalt von Dr. Brentano, hat Ullstein nicht nur eine vorzügliche Bildung erhalten, sondern auch einen Habitus aus Selbstdisziplin und Zielstrebigkeit. Dies mischte sich mit prosperierendem Unternehmertum: Gemeinsam mit seinen Brüdern baute er die väterliche Firma immer weiter aus.

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Dr. Volker Titel

mehrwertzone: War damals Berlin auch so ein Sammelbecken für „junge Kreative“ oder was war wohl ausschlaggebend für Ullstein, als er 1855 mit 28 Jahren nach Berlin auswanderte?

Volker Titel: Berlin begann damals in der Tat eine Anziehungskraft zu entfalten, die durchaus vergleichbar ist mit der Situation heute, wo es viele Künstler, aber auch Verlage an die Spree zieht. Ullstein ging aber nicht nur aus freien Stücken. Die bayerische Gesetzgebung sah damals eine Begrenzung jüdischer Familien vor, auch in Fürth. Und für Ullstein war keine „Judenmatrikel“[x] frei. Hinzu kam die unternehmerische Einsicht, dass für eine so bedeutende Papiergroßhandlung, wie es H.H. Ullstein inzwischen war, das kleine Fürth nicht der beste Standort war. Seine Brüder verlegten die Firma nach Leipzig, er selbst ging nach Berlin. In eine Stadt, deren Modernität er, der fränkische Provinzler, später so entscheidend mitgestaltete.

mehrwertzone: Was kann uns Ullsteins Biografie heute noch sagen? Und was fasziniert Sie an Ullsteins Persönlichkeit und Lebensweg?

Volker Titel: Ich bin ja den umgekehrten Weg gegangen, ich bin in Berlin aufgewachsen und wohne nun in Fürth. Spannend war und ist aber für mich zunächst die Spurensuche. Es ist durchaus möglich, Hinweise auf die Lebensumstände des jungen Ullstein zu finden. Er hat, heute würde man Ganztagsschule dazu sagen, eine Schulbildung erhalten, die aus heutiger Sicht einerseits unglaublich streng war. Andererseits war sie durch eine Verbindung von musischer, sportlicher und naturwissenschaftlicher Ausrichtung gekennzeichnet, die beeindruckend ist. Zweifellos hat sich hier in Fürth die Persönlichkeit herausgebildet, die auch in der preußischen Metropole erfolgreich sein konnte. Was er nach Berlin mitbrachte, war neben einem guten Startkapital vor allem eine hervorragende Ausbildung. Das unter anderem kann uns Ullsteins Biografie heute noch sagen: Wir müssen die Bildung unserer Kinder wichtig nehmen.

_LESEN2015_logo4c_mitDatumMehr zu Leopold Ullstein und seine Zeit erfahren Sie bei LESEN! in Fürth: In der Lesung mit Musik am 2. Juli, 20 Uhr im Jüdischen Museum Franken in Fürth, wenn Sten Nadolny am 4. Juli, 20 Uhr im Kulturforum aus seinem Ullsteinroman liest und bei der literarischen Städteführung durch Fürth an mehreren Tagen. Mehr zum Programm von Lesen! hier.

[x] Nach dem Bayerischen Judenedikt von 1813 ein Verzeichnis orstansässiger Juden in bayerischen Gemeinden, das die Höchstzahl wohnberechtigter Juden beschränkte.

Rainer Hertwig am 21. Juni 2015

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