Q 17 / Q 18 – work in progress auf AEG

(über GalleryTalk Review)

Leipzig hat die ehemaligen Baumwollspinnerei in Plagwitz – Nürnberg zieht mit der Weststadt mit dem Quellegebäude und ehemaligen AEG-Gelände nach. Nachdem beide zusammen Europas größten Ballungsraum für Künstler und Kreative bilden, muss diese Zusammengehörigkeit auch einmal künstlerisch zelebriert werden.  Das Quellkollektiv hat im Rahmen von Offen auf AEG die Schau Q 17 / Q 18 – work in progress auf die Beine gestellt. (Text: Marlene Döring)

Blick in „Q 17 / Q 18 – work in progress“, Foto: © Marlene Döring, Hannah Hummitzsch

60 der über 100 Mieter aus dem Quelle-Gebäude, das der Bauhausschüler Ernst Neufert entworfen hat, engagieren sich dabei im sogenannten Quellkollektiv, ein gemeinnütziger Verein aus Künstlern. 22 dieser Künstler sind nun in der Galerie Q17.3 auf AEG zu sehen. Kuratorisch und konzeptionell beraten wurde dabei von zwei Kunstgeschichtsstudentinnen aus Erlangen, Hannah Hummitzsch und der Autorin.

Die Einladung flatterte kurzfristig ein, zur Aufgabe stand: Binnen fünf Wochen sollte eine komplette Ausstellung für Offen auf AEG organisiert und zwei weitere Räume erfolgreich bespielt werden. Planungen, die sonst Monate dauern, wurden komprimiert. Nach gemeinsamen kuratorischen Auswahlprozessen, die sowohl Künstler als auch Werke betrafen, konnte ein gangbares Ausstellungskonzept für die helle, an beiden Seiten durchfensterte und sehr großzügige Architektur überlegt werden. Wie schafft man Flächen, die die Illusion eines Raumes bilden könnten, aber dennoch nicht zwanghaft zu Wänden werden? Wie bringt man die extreme Vielfalt eines Genremixes in einer knapp 1000 qm² großen Halle unter, ohne dass die 19 endgültig ausgewählten Werke an Wirkung verlieren oder sich überlappen?

Eine zentrale kuratorische Entscheidung zur Organisation des Raumes fiel in Zusammenarbeit mit den Künstlern: Es galt, eine Form zu finden, die Raum entwickelte, ohne Raum  abzuschließen: Gefunden wurde sie in einem System aus Spanngurten. Hierdurch gelang es, pointierte inhaltliche und künstlerische Bezüge einheitlich zu setzen, da Räume in unterschiedlichen Einheiten gesehen werden konnten und doch keine starre Gliederung bildeten.

Installation aus Räumen von Andreas Graef, Michael Haubert, Christoph Kolodziejski und Matthias Neubeck, Foto: © Marlene Döring, Hannah Hummitzsch

Installation aus Räumen von Andreas Graef, Michael Haubert, Christoph Kolodziejski und Matthias Neubeck, Foto: © Marlene Döring, Hannah Hummitzsch

Dabei waren drei besondere Blickpunkte gelegt: Zunächst eine Installation aus Räumen, von einem Architektenquartett entworfen, von Andreas Graef, Michael Haubert, Christoph Kolodziejski und Matthias Neubeck, ferner eine pyramidale soziale Plastik mit dem Namen ‚Sonde 13‘ von Tom Karg und Tobias Witt, die durch das in ihr befindliche Geld den Charakter einer Galerie ironisch auf die Probe stellen sollte,

'Sonde 13‘ von Tom Karg und Tobias Witt, Foto: © Marlene Döring, Hannah Hummitzsch
‚Sonde 13‘ von Tom Karg und Tobias Witt, Foto: © Marlene Döring, Hannah Hummitzsch

und schließlich durch eine dreigeteilte Trennwand, die gleichzeitig offenes und getrenntes Raumgefühl evoziert, auf der sich ‚Echo‘ von Iulia Nistor wiederfindet.

Dreigeteilte Trennwand mit 'Echo' von Iulia Nistor, Foto: © Marlene Döring, Hannah Hummitzsch

Dreigeteilte Trennwand mit ‚Echo‘ von Iulia Nistor, Foto: © Marlene Döring, Hannah Hummitzsch

Durch diese drei festen Blickpunkte ist es dem Betrachter möglich, den Raum frei zu beschreiten. Denn betritt man die Halle, deren charmanter Kontrast in frisch geweißten Wänden und einem alten, Spuren der Industriezeit tragenden Boden und bunten Sanitärrohren an der Decke besteht, gerät der Besucher in eine erste Orientierungslosigkeit. Hervorgerufen durch die fließenden Grenzen, eingeleitet durch eine recht unauffällige Hängung an Ketten oder Spanngurten, muss der Betrachter autonom einen Beginn wählen. Anders als in traditionellen Galerien und Museen, wo der Ausstellungsweg vorgezeichnet ist, der Besucher geführt und durch unterschiedliche Räume gelenkt wird, hat der Eintretende hier mehrere Wahlmöglichkeiten. Nach der ersten Desorientierung durch Raumwirkung und Offenheit kann und muss der Eintretende eigenständig einen Weg einschlagen, abhängig davon, welches Kunstwerk ihm zuerst ins Auge sticht.

Wichtig, aber nicht zwingend, schien bei der Werkauswahl eine gewisse Korrespondenz zum Thema Quelle oder den Gegebenheiten des Raumes auf AEG. Da die Industriebrachen Nährboden der künstlerischen Bewegung auf beiden Trakten war, schien diese Wahl sinnvoll.

‚RESERVAT‘ von Juli Sing, Foto: © Marlene Döring, Hannah Hummitzsch

‚RESERVAT‘ von Juli Sing, Foto: © Marlene Döring, Hannah Hummitzsch

Die Serie ‚RESERVAT‘ von Juli Sing harmoniert mit einer denkmalgeschützten, grünen Fläche aus der Erbauungszeit der Halle. So wird die Industriebrache in Bezug zu einer in der Serie thematisierten Natur gesetzt, die wiederum Veränderung durch Menschenhand zeigt.

Andere Arbeiten spielen gekonnt mit der Thematik der Halle, indem sie die Farbe der Hauptrohre im Raum aufnehmen und ihr pointierte Ausdruckskraft, passagenweise sogar weisenden Charakter verleihen.

Ein Spiel mit der Hängung: Thilo Schafferts Fotografien ‚Dahin-Daher-Dadurch‘ , © Foto: Marlene Döring, Hannah Hummitzsch

Ein Spiel mit der Hängung: Thilo Schafferts Fotografien ‚Dahin-Daher-Dadurch‘ , © Foto: Marlene Döring, Hannah Hummitzsch

Thilo Schafferts Werk ‚Dahin-Daher-Dadurch‘ liebäugelt mit der für die Halle charakteristischen Lampenhängung: Die Fotografien hängen an Metallketten und sind nicht etwa an starre Holzwände gezimmert. So illusionieren die Ketten  gleichzeitig auch eine Zusammengehörigkeit von Kunst und Brachenarchitektur.

Tom Leather - 'Milk Bath‘, Foto: © Marlene Döring, Hannah Hummitzsch
Tom Leather – ‚Milk Bath‘, Foto: © Marlene Döring, Hannah Hummitzsch

Neben weiteren Werken, die in Kontext mit den Räumen auf AEG treten, pocht ein Werk besonders auf die Zusammengehörigkeit der Quellkünstler. Tom Leathers ‚MilkBath – Auswahl‘ dokumentiert ein rituelles Moment, das aus einem Nürnberger Künstler erst einen Quellaner macht, die Taufe in Milch.  Dabei kämpft oder agiert das Fotomodell in erster Linie mit dem Medium Milch, sodass einmalige, authentische Momentaufnahmen entstehen. Dass ein Quellaner auch global mit seiner Kunst agiert und wachrütteln kann, ist bei einem filigranen Werk ‚Made in India‘ von Philip Burger zu beobachten.

Philip Burger ‚Made in India‘, Foto: © Marlene Döring, Hannah Hummitzsch

Philip Burger ‚Made in India‘, Foto: © Marlene Döring, Hannah Hummitzsch

Diese skulpturale Arbeit aus Glas erfordert feinstes Gespür für das zerbrechliche Medium. Die feminin anmutende Figur, gefertigt aus einem Stück, hat ihr Gesicht betrübt in ihre Hände gelegt. Ausdruck von Weltschmerz und Verletzung – einer Verletzung, die Frauen in Indien nur allzu häufig unbemerkt und ungestraft widerfährt. Der matt glänzende Blattgoldrand unterhalb der Ellenbogen referiert ebenfalls auf das Land am Ganges.

Es bleibt zu hoffen, dass die fairen Atelierkonditionen auch unter dem neuen Investor erhalten bleiben. Nur auf einer solchen Grundlage ist die Gemeinschaftspräsentation, dieses Schlaglicht auf die große Vielfalt der Nürnberger Kunstszene möglich gewesen. Szene und Gebäude haben es verdient, auch weiterhin voneinander profitieren zu dürfen.

„Eine besondere Zeit durften wir hier erleben, eine befruchtende Zusammenarbeit, sowohl menschlich als auch künstlerisch. Durch den engen Kontakt mit den Künstlern entwickelten sich stetig neue Ideenansätze, Lösungsansätze, die sonst so möglicherweise gar nicht aufgekommen wären. Dabei erwies es sich bei der Kuration der Werke als hilfreich, nach einer konzeptionellen Überlegung die Raumwirkung nach der Hängung zu betrachten, schließlich sollte jedes Werk die bestmögliche Wirkung individuell, aber auch im Zusammenklang mit den anderen, entfalten können. Für diese Wechselwirkung von Werk und Ausstellung und für vieles mehr, möchten wir uns bei allen Beteiligten nochmals bedanken.“Marlene Döring und Hannah Hummitzsch.

Künstler: Philip Burger, Johannes Felder, Andreas Graef, Michael Haubert, Tom Karg, Christoph Kolodziejski, Peter Kunz, Tom Leather, Felix Mayer, Matthias Neubeck, Iulia Nistor, Dagmar Payne, Philipp Polik, Thilo Schaffert, Holger Schüßler, Denis Serre, Julia Sing, Martin Sturm, Lukas Taschler, Stephanie Walter, Tobias Weiß, Lorenzo Zimmermann

Kuratorinnen: Marlene Döring, Hannah Hummitzsch

WANN:  bis 12. Oktober 2013
WO: Auf AEG, Muggenhofer Straße 135, 90429 Nürnberg

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