Staubbewegungen – eine Untersuchung von Katharina Heubner und Susan Helen Miller

(über GalleryTalk Interview)

Eine künstliche Struktur durchzieht den gesamten Raum der Akademie Galerie. Ein komplexes Gerüst aus Latten und Folien gibt dem Besucher vor wie er sich durch die Ausstellung bewegen soll und kann. Man sucht sich den einfachsten Weg. So wie Staubkörner nach dem Prinzip des geringsten Widerstandes geschmeidig durch Ritzen und Spalten schweben. Die gesamte Raumkonstruktion ist in Orientierung an Staubschutzräume auf Baustellen angelegt. Die Frage ist natürlich was wird hier vor was geschützt? Und ist es überhaupt schützbar?
 „Zu allen Zeiten ist Staub das wichtigste und gebräuchlichste Maß für Kleinheit mit der Eigenschaft barrierefrei und anarchisch zu sein.“ (Begleittext zur Ausstellung „Bis ins kleinste Detail“)

gallerytalk.net: Was symbolisiert Staub für euch? Welche Assoziationen habt ihr mit Staub?

Katharina Heubner: Staub ist ein Maß für Zeit. Seine Anhäufungen können die Zeit sichtbar machen. Je nach der Staubdicke auf einem Buch, weiß man wie viel Zeit vergangen ist seit man es das letzte mal gelesen oder aus dem Regal genommen hat.Des Weiteren ist Staub so interessant für mich, da er zwei Bedingungen braucht, um existent zu werden: Zum einen ist das die Ansammlung seiner eigenen Bestandteile, denn ein einzelnes Staubkorn ist noch gar nicht wahrnehmbar. Zum anderen ist es das Licht. Bewegung, zum Beispiel durch Luft, kann die Wahrnehmung der Partikel steigern.

Austellungsansicht „Bis ins kleinste Detail“, Foto Katharina Heubner und Susann Helen Miller

Interpretiert ihr euer Projekt als eine Ausstellung von oder über Staub?

Susan Helen Miller: Es ist etwas von beidem, wobei alles um die „Sichtbarmachung“ geht. Staub ist ein Phänomen, das wir auf unterschiedlichste Weisen erforscht haben, und noch weiter erforschen werden. Je nach Lichteinfall, Tageszeit und Anzahl der Besucher werden andere Vorgänge im Raum wahrnehmbar sein. Dies geschieht, indem natürliche Spuren hinterlassen, verwischt und verteilt werden. Gleichzeitig wird die gesamte Installation über die Dauer wachsen und sich verändern.

Eure Installation „Schwarm“, die im April 2014 in der Austellungshalle der Akademie zu sehen war, bestand aus 2500 aufgehängten Vibratoren. Seht ihr eine Parallele zwischen den beiden Konzepten darin, außergewöhnliche Materialien zu „Kunst zu erklären“ und in neue ästhetische Kontexte zu setzen?

Susan Helen Miller: ich glaube nicht. Das Material diente zur Umsetzung einer Idee. Der Gegenstand Vibrator – ein Elektrokleingerät mit spezifischen Sound – war tatsächlich nur ein Mittel zum Zweck. Diesmal ist der Gegenstand das Thema. Die Parallele besteht darin, dass beide Materialien von uns inszeniert wurden.

Ausstelungsansicht „Bis ins kleinste Detail“, Foto: Katharina Hebner und Susan Helen Miller

Mögt ihr Staub?

Susan Helen Miller: Ich bin Hausstauballergikerin – also nein. Aber es ist einfach faszinierend damit zu spielen und zu experimentieren, die Möglichkeiten der Substanz auszutesten. Staubkörner sind wie Zeitzeugen, sie können schon Jahrhunderte alt sein. Früher war Staub die kleinste bekannte Maßeinheit. Diese winzigen Staubteile können unsichtbar sein und gleichzeitig tödlich, Asbest zum Beispiel.

Katharina Heubner: Mögen ist das falsche Wort. Es ist einfach ein unglaublich interessantes Vorkommnis. Es gibt keine Abwesenheit von Staub. Selbst in der Industrie ist es nicht möglich tatsächlich staubfreie Räume zu schaffen.

Susan Helen Miller: Das ist auch Thema eines unserer Räume. Er ist komplett abgedichtet und kann als einziger nicht von Besuchern betreten werden. Nach der Ausstellung werden ihn wieder öffnen, dann wird sich zeigen wie viel Austausch zwischen innen und außen stattgefunden hat.

Ausstellungsansicht „Bis ins kleinste Detail“, Foto: Katharina Heubner und Susan Helen Miller

Wo habt ihr den ganzen Staub her?

Katharina Heubner: Natürlich haben wir selbst gesammelt. Das meiste Material stammt allerdings von Staubspenden verschiedenster Quellen. Um echten, herkömmlichen Hausstaub zu bekommen sind wir von Tür zu Tür gelaufen und haben nach Staubsaugerbeuteln gefragt. Das war eine wichtige Erfahrung, die uns eine weitere Eigenschaft von Staub gezeigt hat: Er ist intim. Die Reaktion auf unsere Frage war häufig empört und aufgebracht. Als ob der Inhalt persönliche Geheimnisse hüten würde. In einem Raum der Ausstellung zeigen wir die Sortierung der einzelnen Bestandteile wie Haare, Haut, Nägel, Krümel, Textilreste usw. Die Hauptbestandteile sind eindeutig menschliche.

Susan Helen Miller: Eine Art Vergleichspunkt dazu stellt für uns industriell gefertigter Teststaub dar, der identisch zu natürlichem Hausstaub ist und zur Prüfung von bspw. Elektrogeräten genutzt wird. Wir bekamen davon eine große Menge gesponsert. Es ist paradox, dass etwas künstlich hergestellt und verkauft wird, was jeder Haushalt in Massen in den Müll schmeißt und das manche Menschen doch in bestimmten Fällen nicht hergeben wollen, was absolut unbrauchbar und wertlos ist.

Offensichtlich bewegt uns Staub, wir bewegen ihn und er bewegt sich selbst. All diese Bewegungen wollen wir zeigen.

Weitere Informationen zur Austellung „Bis ins kleinste Detail“ und zu Arbeiten der Künstlerinnen findet ihr unter www.heubner-miller.de

WANN: Die Ausstellung ist noch bis zum 17. April 2015 jeweils von Mittwoch bis Sonntag zwischen 14 und 19 Uhr zu sehen. Eine Finissage gibts am 17.April um 19 Uhr.
WO: In der Akademie Galerie, Muggenhofer Straße 135, 90429 Nürnberg

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