When Now Is Minimal – Die unbekannte Seite der Sammlung Goetz

(über GalleryTalk Review)

Einerseits belächelt und mit dem Prädikat der „Nicht-Kunst“ versehen, andererseits als Höhepunkt und Revolution der Kunst gefeiert. Ihre Anhänger und ihre Widersacher streiten sich bis heute und es ist wohl schwer eine Mittlerposition einzunehmen. Heute ist sie vor allem eins: Umgeben von einer Aura der Ehrwürdigkeit – Die Minimal Art.

„When Now Is Minimal“ im Neuen Museum Nürnberg; Foto: Christina Baier.

Wir kennen sie alle: Minimalisten. Menschen, die radikal entrümpeln, dem Überfluss entsagen und sich auf das Notwendige reduzieren. Doch wie war das noch einmal mit dem Minimalismus in der Kunst? Auch hier findet eine Reduktion statt: Reduziertes Formenvokabular, reduzierte Farbigkeit und reduzierte Emotionen. Zugleich wird Raum erobert, denn man möchte sich nicht mehr nur auf die Zweidimensionalität beschränken – dies sind die wesentlichen Charakteristika, mit denen man diese Kunstströmung in Verbindung bringt.

Als Reaktion auf die wilden Gesten, die aufbrausenden Emotionen und den ungezügelten Duktus des Abstrakten Expressionismus erhob sich in den frühen 60er Jahren der Minimalismus, oder englisch auch die Minimal Art, als Fels in der Brandung. Rationalität, Ernsthaftigkeit und Objektivität traten so der gestischen Malerei, aber auch der fast zeitgleich aufpopenden Pop-Art, gegenüber.

Die Minimal Art wurde als amerikanisches Phänomen gesehen, zu dessen wichtigsten Vertretern Donald Judd, Dan Flavin und Carl Andre zählen. Diese sind jedoch in der derzeit in Nürnberg gezeigten Ausstellung nicht zu sehen. Eine Ausstellung mit klassischen Objekten des Minimalismus ist das also nicht. Was ist es dann? Die Ausstellung hinterfragt vielmehr die Erbschaft der Minimalisten und die Aktualität des Ansatzes: Was ist vom Minimalismus geblieben? Wie hat der Minimalismus überlebt? Ausgestellt sind hierzu vor allem Werke einer jüngeren Generation von Künstlern, die ganz lässig und offen auf spielerische und intellektuelle Weise mit dem Erbe jener streng rationalen Kunstrichtung der Minimal Art umgehen.

Der harte Kern der amerikanischen Gründerväter hätte sich eine solche Ausstellung wohl nicht getraut. Nein, eigentlich wäre er gar nicht so schüchtern gewesen, vielmehr hätte er diese Art der Inszenierung gar nicht gewollt.

Bereits im Eingangsbereich wird der Besucher von einem zarten Fliederton abgeholt und in den Ausstellungsraum begleitet. Betritt man die aktuelle Sonderausstellung des Neuen Museums in Nürnberg gerät man in einen wahren Farbrausch –  überwältigt von der unorthodoxen Farbigkeit. So etwas hat man schon lange nicht mehr gesehen: Peng!

Spiegelnde Metallicfolie, Neonfarben und Putzschichten, im linken unteren Bildrand versehen mit den typischen Farbspritzer von Anselm Reyle sowie ein an den Konstruktivismus erinnernder mit Baumwollstoff bespannter Alurahmen von John Armleder auf lila Wandgrund begrüßen zu Beginn der Ausstellung.

„When Now Is Minimal“ im Neuen Museum Nürnberg © Foto: Neues Museum (Anna Seibel) Courtesy Neues Museum und Sammlung Goetz, München.

Der österreichische Künstler und DJ Gerwald Rockenschaub hat eine gänzliche neue Raumsituation  im Ausstellungssaal des Neuen Museums geschaffen. Für die Ausstellung wurden seinem Raumkonzept folgend, Wände eingezogen, flächig bunt bemalt und teilweise tapeziert. Gesättigtes Grün, Flieder und Anthrazit wechseln sich ab und lockern die weißen Wände farblich auf, so dass man das Gefühl hat selbst in einem Kunstwerk unterwegs zu sein.

Aiweiwei, „Colored“, 2005 © Foto: Courtesy Sammlung Goetz, München.

Durch die Ausstellung laufend fällt in der dritten Abtrennung ein Regal mit sieben unterschiedlich großen Gefäßen auf. Mit einer knallbunten Acrylfarbschicht überzogen sind die Gefäße nebeneinander aufgereiht. Sie erinnern an Kindheit, an Kinderspielzeug, wirken wie mit Farbpigmenten eingepudert, wertlos, alltäglich und zugleich seltsam in ihrer monochromen Farbigkeit. Arrangiert hat diese Vasen Ai Weiwei, der bedeutendste chinesische Gegenwartskünstler, der aufgrund seiner Regimekritik, seinem unermüdlichen Engagement für Menschenrechte und Meinungsfreiheit seit Jahren als Staatsfeind Nr. 1 verfolgt wird. Der in Peking lebende Künstler, der derzeit auch den deutschen Pavillon auf der Biennale in Venedig bespielt, nutzt Kunst immer wieder als Möglichkeit der Gesellschafts- und Regimekritik.

Bei den besagten Gefäßen in seinem Werk „Colored (2005)“ handelt sich um chinesische Vasen aus der Ming-Dynastie. Während er bereits 1995 in einer Fotoserie eine chinesische Vase auf den Boden fallen und zerbrechen ließ, wird in der in Nürnberg gezeigten Arbeit die Bedeutung und der Wert des historischen Kulturguts durch den einfachen Akt des Übermalens eliminiert und ein neues Kunstwerk geschaffen: Irritierend, radikal und provokant kommen die Gefäße zunächst unschuldig daher.

Wandert der Blick nach rechts so sieht man einen dunkelbraunen, leicht rötlichen Würfel mit je 50 cm Seitenlänge, stehend auf einer einfachen Holzpalette. Der Geruch und die pflanzliche Struktur weisen auf gepressten Tee hin. Es handelt sich hierbei aber nicht um irgendeinen beliebigen Tee, sondern um Pu Er Tee. Diese sehr begehrte Köstlichkeit wird seit Jahrhunderten in der südwestlichen Provinz Yunnan gewonnen und avancierte zum Anlage- und Spekulationsobjekt. Als Wunder- und Genussmittel kann der in Nürnberg präsentierte Tee jedoch nicht mehr seine Wirkung entfalten.

Die in der Ausstellung gezeigten Werke Ai Weiweis wirken in ihrer äußeren Erscheinung zunächst minimalistisch: Einfache Formen, reduzierte Farbigkeit – doch sind sie in einem Verweisungszusammenhang zu sehen um Bezüge zu Systemen außerhalb der Werke selbst herzustellen.

Hach, dreht man sich um, so erblickt man nichts als reine Formen! Die reduzierte Formensprache suggeriert jedoch aufgrund des Titels „Fabrik“ Gegenständlichkeit und lässt an ein Architekturmodell denken. Ist das dunkelgraue mit gedämpften Blau- und Grüntönen versehene Gebilde nun aus Beton – oder gar Bronze? Genauere Betrachtung lässt den ersten Eindruck zweifelhaft erscheinen: Es ist gar nichts von beiden! Fischli & Weiss führen den Besucher an der Nase herum. Auf humorvolle Weise hinterfragen sie unsere Wahrnehmung und die Materialität von Kunstwerken. Wer hätte es gedacht: Es handelt sich bei den Formen um weiches Material –  genauer gesagt um Polyurethanschaum.

In der Installation von Dominique Gonzalez-Foerster ist Partizipation gefragt: Ein quadratischer blauer Teppich und mehrere Bücherstapel an den beiden Wänden laden den Besucher zum Verweilen, Ausruhen und Lesen ein. Der Besucher kann Teil des Kunstwerkes werden und durch seine Präsenz die Außenwirkung für den Betrachter verändern, so dass ein imaginärer Raum entsteht.

In der vierten Abtrennung sind formal ästhetisch die Nichtfarben Schwarz und Weiß dominierend und bilden somit einen Gegenpol zum farbenfrohen vorherigen Komplex. Wände mit der Tapete des Briten Martin Boyce (“When Now Is Night“, Wallpaper, 1999) zeigen weiße und graue Linienkonstruktionen auf schwarzem Grund. Auf ihr sind weitere Kunstwerke präsentiert, wie beispielsweise eine weiß glänzende quadratische Fläche mit zwei unterschiedlich großen Herdplatten (Rosemarie Trockel, „Untitled“, 1992) oder diametral gegenüber das minimalistisch reduzierte Wandobjekt von Katja Strunz. Wie ein gefaltetes Papierobjekt, doch in seiner Materialität verfremdet, hängt es an der Wand.

Blick in die Ausstellung © Foto: Neues Museum (Anna Seibel) Courtesy Neues Museum und Sammlung Goetz, München.

Der Niederbayer Michael Sailstorfer steht auf der Liste „100 Köpfe von morgen“ und überrascht die Kunstwelt immer wieder aufs Neue mit seinen unkonventionellen Ideen: Bus-Wartehäuschen einer Buslinie wurden zu temporären minimalen Wohnhäusern umgestaltet und Bäume in die Luft gesprengt. In Nürnberg ist er mit dem Werk „Drumkit“ vertreten: Aus zwei ausgedienten Polizeiwagen hat er ein Schlagzeug genietet. Man könnte seine Aggressionen an den umfunktionierten schwarz weißen Lieblingen der Ordnungs- und Gesetzeshüter auslassen. Wiederholt muss man in dieser Ausstellung schmunzeln.

Anthony McCall, You and I, Horizontal, 2005 © Foto: Courtesy Sammlung Goetz, München.

Dieses Schmunzeln weicht jedoch Bedrückung und Faszination in der Blackbox. Im Zentrum der Ausstellung, in einem abgedunkelten Raum wird durch weiße Lichtstrahlen und künstlichen Nebel ein scheinbar physisches Volumen erzeugt. Kaum merklich verändern sich die Lichtstrahlen. Langsam lässt man sich in den Bann der sich wandelnden Raumerscheinung ziehen. Diese Lichtinstallation stammt von Anthony McCall, der seit den 70er Jahren als Pionier der „Solight Light Films“ gilt.

Man erinnert sich an die documenta (13), an William Kentridge und die Installation „The Refusal of Time“ und es wird deutlich wie hier im Herzen der Ausstellung mit ganz wenigen und reduzierten Mitteln eine ähnliche Faszination im Hinblick auf das Raum- und Zeitgefühl ausgelöst wird. Grenzen lösen sich auf und es entfaltet sich ein Spannungsfeld zwischen Bedrückung und Faszination.

Dem Besucher wird im Rahmen des Austellungsprojekts ein Blick in einen bisher kaum zugänglichen Teil der Sammlung Goetz gewährt. Insgesamt ist die Ausstellung humorvoll, mutig und gewagt, wie viele der dort versammelten Künstler und Künstlerinnen selbst. Das etablierte Ausstellungskonzept des White Cubes, wie es die Urväter des Minimalismus glorifizierten, wird gänzlich über Bord geworfen zu Gunsten einer gewagten Mischung aus Flieder, Grün und Tapete, die fröhlich mit den ausgestellten Exponaten interagiert.

Es zeigt sich deutlich, dass die ästhetischen Grundlagen des in den 1960er-Jahren entstandenen Minimalismus bis heute präsent sind und die Kunst der Gegenwart bestimmen. Die versammelten Künstler reproduzieren jedoch nicht einfach die Strategien des Minimalismus, sondern treten offen, frei und spielerisch ihr Erbe an, indem sie die Ansätze ihrer Vorgänger fortsetzen, variieren und in eigene Ausdrucksformen überführen. Die nachfolgenden Generationen zeigen sich spielerisch, narrativ und teilweise subjektiv offen. So ähnlich sie einander insgesamt scheinen, so verschiedenartig sind sie zugleich.

Ihre Großväter hätten diese Ausstellung wohl als unorthodox und unerhört empfunden. Die Kuratoren Karsten Löckemann, Angelika Nollert und Letizia Ragaglia haben jedoch ein wahrhaftes Kunstwerk auf Zeit geschaffen: Kritisch und zugleich auf humorvolle Weise kann der Besucher durch die abgetrennten Räume wandern und in jedem Einzelnen die Konsequenzen und die verschiedenen Tendenzen im Umgang mit minimalistischen Strategien aufspüren und für sich entdecken. Bei dieser Suche zeigt sich wie sich die formalistischen, konzeptuellen und ästhetischen Ansätze in der Gegenwart weiterentwickelt haben.

Die Omnipräsenz geometrischer Formen hält das Ausstellungsprojekt, das sich jedoch in viele interessante und spannungsreiche Facetten auflöst, augenscheinlich zusammen: Doch Intention und Anspruch der an minimalistisches Formenvokabular anschließenden zeitgenössischen Kunst hat sich gewandt. Schnell verstehen wir in dieser Ausstellung, dass ein Quadrat nicht gleich ein Quadrat ist. Und so wie sich Anhänger und Kritiker der Minimal Art bis heute streiten, so erhitzt auch dieses Ausstellungsprojekt die Gemüter.

Am 20. Oktober 2013 um 20 Uhr wird es ein Konzert zur Finissage von und mit Gerwald Rockenschaub geben, ehe die Ausstellung ins Museion nach Bozen wandert und dort ab 23. November 2013 zu sehen sein wird.

WANN: Ausstellung vom 19.7.–20.10.2013
WO: Neues Museum Nürnberg, Luitpoldstraße 5, 90402 Nürnberg

 

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